7 Missverständnisse in der Erziehung – oder wie sich unsere Erziehungsziele erreichen lassen

Nr. 2 Grenzen setzen – Wie fördern wir das Einfühlungsvermögen unserer Kinder? 

Kinder lernen Grenzen zu akzeptieren, wenn wir ihre Grenzen wahren!

Wir glauben oft, dass Erziehung ohne Grenzen zu setzen unmöglich sei. Eine grenzenlose Erziehung ist gleichsam problematisch, wie eine Grenzen setzende. Denn das Missverständnis liegt hier in der Annahme, dass Kinder ohne Grenzen zu «Tyrannen» werden. So sind es jedoch die Eltern, die ihre Grenzen in Form von Haltung, Meinung, Bedürfnis und Gefühl für das Gegenüber (Kind) sichtbar machen sollen und dadurch Position beziehen können. Eine Eltern-Kind-Beziehung sollte nicht vorwiegend aus Verboten, Regeln und Grenzen bestehen. Viel wichtiger scheint mir, dass sich Eltern klar darüber werden, was sie wollen und damit Bewusstsein für die eigenen Grenzen schaffen.

  • Position beziehen statt Grenzen setzen
  • Es ist für Kinder elementar, dass Eltern sich positionieren
  • Ein NEIN kann und darf dabei klar und freundlich sein

Mit Wertschätzung ausgedrückt können wir unsere Position beispielsweise so ausdrücken:

  • „Mir ist es wichtig, dass….(Meinung/Haltung)
  • „Ich möchte jetzt, dass…, weil ich mich …fühle (Bedürfnis/Gefühl)

Kinder lernen Grenzen zu akzeptieren, wenn wir ihre Grenzen wahren und können so lernen, Einfühlungsvermögen für andere zu entwickeln. 

7 Missverständnisse in der Erziehung – oder wie sich unsere Erziehungs-Ziele erreichen lassen

Nr. 1 Kontrolle – Wie fördern wir die Selbständigkeit und Verantwortung unserer Kinder?

Oft sind wir im Modus gefangen alles unter Kontrolle haben zu müssen. Wir befürchten sonst, dass „alles aus dem Ruder läuft“ oder dass wir, wenn wir nicht zeigen wer hier das Sagen hat, unsere Elternrolle in Frage gestellt wird.

Um unser Erziehungsziel Selbständigkeit und Verantwortung zu erreichen, ist es absolut notwendig, dass Kinder auch eigene Erfahrungen machen dürfen und für Bereiche, in denen es möglich ist, auch selbst Verantwortung zu übernehmen und tragen zu dürfen. Zur Zeit der Einschulung können in jenen Bereichen Räume für Autonomie geschaffen werden:

  • Ihr eigenes Zimmer
  • Ihre Hausaufgaben
  • Die Auswahl ihrer Freunde
  • Ihr Aussehen
  • Ihre Kleidung
  • Den Umgang mit Taschengeld
  • Ihre eigenen Gefühle und Handlungen

Eltern fällt es oft schwer ihren Kindern einen Bereich verantwortlich zu überlassen und ihre Machtposition aufzugeben. Oft sind sie noch zu sehr in der eigenen Vorstellung verhaftet, wie etwas aus ihrer Sicht zu sein hat. Es ist weder die Meinung, dass das Kind immer und zu jeder Zeit machen soll, was es will und auch nicht, dass es sich in dieser Verantwortung selbst überlassen ist. Bedeutend ist jedoch, dass das Kind eigene Erfahrungen mit sich und seinen Bedürfnissen sowie Selbstorganisation in verschiedenen Bereichen machen darf – auch bei den Hausaufgaben.

Wenn es Eltern gelingt, sich von eigenen Vorstellungen, wie etwas zu sein hat, zu lösen und stellvertretend Kinder begleiten und sie in ihren Bedürfnissen ernst nehmen, unterstützen sie hiermit die gesunde Entwicklung in der Eigenverantwortung und Selbständigkeit der Kinder.

Wie die eigene Erziehung uns in unserem Erziehungsverhalten beeinflusst

Viele konfliktreiche Situationen und Überforderungen im Erziehungsalltag lassen sich vermeiden, wenn wir uns über unsere eigene biographische Vergangenheit bewusst werden.

«Eltern strafen vor allem, weil sie in ihrer Kindheit selbst bestraft wurden.»

Wenn Eltern in ihrer Kindheit Bindungs- und Bezugspersonen erlebt haben, die Bestrafung und Konsequenzen als probate Erziehungsmassnahmen eingesetzt haben, finden sie kaum alternative Möglichkeiten im Umgang mit Konfliktsituationen und fühlen sich hilflos. Weshalb ist das so?

Wurden wir in Konfliktsituationen mit unseren eigenen Eltern durch Bestrafung abgewertet, gedemütigt oder kleingemacht, wurden unsere emotionalen Bedürfnisse und Gefühle übergangen. Als Folge davon entstand ein Gefühl der Hilflosigkeit, Schwäche und Ohnmacht. Die emotionalen Bedürfnisse nach Anerkennung, Wertschätzung, «gesehen werden“, „wichtig sein» blieben unerfüllt.

In alltäglichen Situationen, bei welchen ein Kind sich nicht so verhält, wie wir es als Mutter oder Vater wünschen, z.B. eine Anweisung nicht befolgt trotz mehrmaligem Wiederholen, fühlen wir uns nicht gehört und nicht ernst genommen. Wir fühlen uns in unserer Rolle als Eltern in Frage gestellt.

Das Kind löst in uns einen unbewussten Prozess aus. Dieser lässt uns blitzschnell in den als Kind erlebten seelischen Zustand ankommen. Indem sich unser emotionales Nervensystem daran erinnert, wie wir uns damals in der Kindheit gefühlt haben. Du bist klein, schwach und hilflos.

Dies verursacht einen unheimlichen Spannungszustand. Diesen möchten wir schnellstmöglich überwinden und bedienen uns einem Mechanismus der einen Ausgleich schaffen soll. In Stress-Situationen greifen wir auf Handlungsmuster zurück die wir selbst erlebt haben. Indem wir nun selbst unser Kind bestrafen, können wir unser emotionales Ungleichgewicht wiederherstellen. Durch diese Massnahme erleben wir nun anstelle der Hilflosigkeit Macht. Diese Macht die wir als Kinder früher nicht hatten.

Die Sehnsucht danach, dass wir gehört werden und mit unseren Anliegen ernstgenommen werden ist immer noch da. Solche Verletzungen in der Kindheit sind tief verankert und abgespeichert und werden im Erwachsenenleben in unserem Handeln immer noch sichtbar.

Deshalb ist es wichtig und kann entlastend und hilfreich im Erziehungsalltag sein, wenn wir unser «inneres Kind» sichtbar machen und uns dessen bewusst werden. Einerseits dient diese Erkenntnis zu unserer eigenen Entlastung, da wir nun verstehen, weshalb wir so reagieren und handeln. Andererseits werden wir fähig sein, unsere Position als «nun Erwachsene» zu stärken und müssen nicht auf, aus kindlichen Defiziten entstandene Mechanismen, zurückgreifen.

Das Schöne am Elternsein ist, dass wir durch die Beziehung zu unseren Kindern auch immer wieder die Chance bekommen selber zu wachsen, den Blick nach innen zu richten und auch auf uns selbst zu schauen.

Möchten Sie mehr darüber erfahren und selbst einmal auf Ihr „inneres Kind“ schauen, bin ich gerne bereit, mich mit Ihnen in einer Beratung gemeinsam auf den Weg zu machen.

Die Burnout-Falle

Die Burnout-Falle – oder weshalb wir Musterschüler Innen im Auge behalten sollten

Kinder die stören, rebellieren, den Clown spielen, fallen auf. Es ist ihre Art zu sagen, mir geht es nicht gut. Es ist ihre unbewusste Strategie oder Meinung, dass sie nur auf diese Weise Bedeutung erhalten und nehmen in Kauf, dass sie mit Sanktionen, Bestrafungen oder Schelte rechnen müssen. (siehe dazu den Artikel Vermeintliche Tyrannen). In jenen Fällen, sind Lehrpersonen, Eltern oder Fachpersonen alarmiert.
Hingegen sind da die angepassten unproblematischen Kinder, welche durch erfreuliche Beurteilungen und gute Noten glänzen. Sie sind leistungsorientiert, ehrgeizig, in vielem begabt und erhalten dadurch auch nicht zu wenig Lob. Unbemerkt und schleichend besteht die Gefahr, dass sich Gefühls- und Handlungsmuster entwickeln, die sich später einmal als problematisch erweisen können. Sind wir in der Lage, eine solche Entwicklung frühzeitig zu erkennen, können wir durch gezielte (erzieherische) Massnahmen – Ermutigung versus Lob, Einfluss nehmen.
Gerne berate ich Sie in Fragen: Was ist der Unterschied zwischen Lob und Ermutigung? Welche Folgen und Auswirkungen könnten zu viel Lob haben?

Konzept zur nachhaltigen Reduzierung psychischer Erkrankungen

Die Psychiatrie ist voller biographischer Leidensgeschichten, die sich in der Kindheit/Erziehung zugetragen haben. Es wird jedoch mehrheitlich Ursachenforschung in genetisch/biologischen und neuronalen Prozessen betrieben. Neurowissenschaft mit bildgebenden Verfahren, sollen vielversprechende Erklärungen für psychische Erkrankungen liefern. Für 5-10% der schweren Fälle der Depression, mag diese Forschung von Nutzen sein. Für die anderen 90-95% sind sie unbedeutend. Die psychopharmakologische Forschung hat seit Jahrzehnten keine neuen Errungenschaften mehr hervorgebracht. Zudem sind Wirkungsunterschiede von Antidepressiva und Placebo in Studien als sehr gering beschrieben.
Präventive Massnahmen zur Reduktion von psychischen Erkrankungen sollten wieder vermehrt in den Fokus rücken und Schwerpunkte in sozialpsychiatrischer Forschung und Bildungsmassnahmen gesetzt werden.

Begleitung nach Depression oder Burnout

Über die Entstehung und Ursache der beiden Krankheitsbilder ist man bis heute uneinig. Man vermutet, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen, die biologischer, genetischer und psychosozialer Herkunft sein können.

Die Anforderungen des Lebens, können uns schnell einmal an unsere Grenzen bringen. Job, Karriere, Familie oder Partnerschaft fordern unsern Tribut.

Individualpsychologisch gesehen, spielt unser «Lebensstil» (Grundüberzeugungen und Glaubensmuster aufgrund gemachter Erlebnisse und den gezogenen Schlussfolgerungen im Kindesalter) eine grosse Rolle; denn er beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln. Die so entstandenen Glaubenssätze, können selbstlimitierende bis pathologische Züge annehmen.

Ziel meiner Beratung ist es, störende und hinderliche Glaubenssätze aufzudecken, zu verstehen woher sie kommen und zu hinterfragen.

Erkennen und verstehen wir unsere Stressoren, die Stressverstärker und schlussendlich die Stressreaktion, können wir einerseits präventiv wie auch in der aktuellen Situation viel bewegen und unsere Handlungsmuster überdenken und uns neu orientieren.

Unterstützend ermitteln wir gemeinsam Stärken sowie vergessen gegangene Ressourcen, mit dem Ziel diese zu aktivieren und die daraus gewonnene Selbst- wie auch Handlungskompetenz zu nutzen, die unweigerlich zu mehr Selbstwertgefühl führt.

Wenn Sie wahrnehmen, dass Ihnen alles über den Kopf wächst, ihre psychische wie physische Verfassung leidet, und sich unliebsame Symptome bemerkbar machen, warten Sie nicht zu lange. Zeigen Sie Stärke indem Sie Ihre Schwäche zulassen!

Hatten Sie bereits ein Burnout oder eine Depression, unterstütze ich Sie gerne in der Nachbehandlung um Rückfälle zu vermeiden.

Prävention vor Medikation

 

In manchen Fällen ist der Einsatz von Medikamenten unabdingbar – und es ist gut, gibt es sie. Dennoch ist es wünschens- und erstrebenswert, wenn erst gar keine Notwendigkeit besteht, diese einzusetzen!

In der Schweiz leiden knapp 17 Prozent an einer oder mehreren psychischen Erkrankungen. Die gravierenden Beeinträchtigungen können die Lebensqualität stark vermindern und bis zum Suizid führen. Psychische Erkrankungen verursachen erhebliche volkswirtschaftliche Kosten. Die Entstehung psychischer Erkrankungen sind weitestgehend immer noch nicht geklärt. In der Fachliteratur wird auf genetische, biologische und psychosoziale Einflüsse hingewiesen. Nach neueren Erkenntnissen wissen wir jedoch, dass uns das biomedizinische Krankheits- und Störungsmodell allein nicht weiterhilft.

Wenn wir berücksichtigen, welche Faktoren den Organismus in seiner Entwicklung prägen, finden wir Antworten auf der sozialen Ebene. Frühe Bindungsbeziehungen im primären sozialen Umfeld bilden die Grundlage für weitere Entwicklungsprozesse auf neuronaler Ebene. In der Interaktion mit seinen primären Bezugspersonen, entwickeln Kinder sehr früh Meinungen, Grundüberzeugungen über sich und ihre Umwelt, aber auch Strategien um Grundbedürfnisse erfüllt zu bekommen. Situationen werden nicht objektiv, sondern subjektiv beurteilt und Schlussfolgerungen werden gezogen. Diese Erfahrungen werden sich auch in den neuronalen Netzwerken verfestigen und werden damit zu einem eingefahrenen Programm, welches das gesamte weitere Denken, Fühlen und Handeln bestimmt. Die Neurobiologie kann heute solche strukturelle Veränderungen feststellen. Der Einfluss von frühen Kindheitserfahrungen wird von der Entwicklungspsychologie und Psychotherapie seit langem betont. Wie folglich Entwicklungsaufgaben und die Bewältigung von Herausforderungen bewältigt werden, sind mitunter auch von der Qualität der Bindungsbeziehung abhängig und geprägt.

Mit Resilienz Förderung auf der Beziehungsebene, ist die Förderung der Interaktionsqualität zwischen Erziehungsperson, (insbesondere den Eltern) und ihren Kindern gemeint. Der Einsatz von frühen Hilfsangeboten, wie beispielsweise Elternbildung in Form von Elternkursen oder die Vermittlung eines Elterncoachings, kann die psychosozialen Lebensbedingungen innerhalb der Familien wesentlich positiv beeinflussen. Ziel soll sein, die Eltern-Kind-Beziehung zu stärken um möglichen Regulationsstörungen vorzubeugen oder im Allgemeinen protektive Schutzfaktoren zu fördern. Es ist bekannt, dass so erworbene Schutzfaktoren dazu beitragen, das Auftreten einer psychischen Störung oder einer problematischen Entwicklung zu verhindern oder jedenfalls die Vulnerabilität herabsetzt. Jedoch kann mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass sie eine positive Entwicklung erhöhen.

Solche präventive Unterstützungsangebote zur Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz, können also dazu beitragen, einer Entwicklung einer psychischen Störung bei Kindern entgegenzuwirken. In der Schweiz gibt es eine gewisse Auswahl an wissenschaftlich evaluierten Elterntrainings, welche wünschenswerte erzieherische Kompetenzen stärken. Zum einen das Programm von STEP (Systematisches Training für Eltern und Pädagogen) und; Starke Eltern – Starke Kinder.

Sie zeichnen sich durch folgende Merkmale aus und stärken insbesondere die:

Beziehungsfähigkeit, Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit, Grenzsetzungsfähigkeit, Förderfähigkeit, Vorbildfähigkeit, Alltagsmanagementfähigkeit der Eltern. Diese haben Einfluss auf die Entwicklung der Kinder, insbesondere fördern sie die Gefühls- und Selbst Regulation, das Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, Autonomie und Kooperation.

Beachten wir die hohe Zahl der als verhaltensauffällig diagnostizierten Kindern, deren Problematik weder richtig erkannt noch im Laufe der Entwicklung überwunden wird, tragen ein hohes Risiko, später im Erwachsenenalter eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Die Forderung nach Präventionsmassnahmen wird immer lauter und notwendiger. Die Akzeptanz und das Interesse an Elternbildungsprogrammen haben zugenommen und sind auch Bestandteil politischer Fördermassnahmen in Präventionsdiskussionen. Jedoch werden familiär unterstützende Massnahmen meist erst angeboten, wenn die Probleme bereits spür- und sichtbar sind und Betroffene sich an geeignete Stellen wenden. Die Motivation, aus freien Stücken an einem Elterntraining teilzunehmen, ist sehr gering. Hier gilt es in Settings wie Kitas, Schulen, Mütter- und Väterberatungsstellen auf das Angebot und den Nutzen aufmerksam zu machen.

 

 

 

 

Vermeintliche „Tyrannen“

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In Zeitungsartikeln, Fachzeitschriften oder als Titel eines Bestsellers werden Kinder oder Jugendliche auch schon mal als „Tyrannen“ bezeichnet. Diesen Ausdruck finde ich despektierlich, denn genau genommen werden diese Kinder mit «Gewaltherrschern» auf eine Ebene gebracht – also, als rücksichtslose und herrschsüchtige Menschen betitelt. Inhaltlich beziehen sich solche Artikel auf das unangemessene Verhalten der Kinder und wie sie als Eltern, in dringender Notwendigkeit, diesem entgegenzusteuern haben.

Dieser Sichtweise möchte ich eine andere gegenüberstellen: «Bevor ein Kind Schwierigkeiten macht, hat es welche.» (Alfred Adler)

Ob Trotzanfall oder Verweigerung: störendes, unangemessenes Verhalten zeigt in jedem Fall ein entmutigtes Kind (ausser, es handelt sich dabei um Situationen, bei welchem Müdigkeit, Krankheit, Hunger etc. eine Rolle spielen, dies vor allem bei Kleinkindern.)

Diese Kinder befinden sich in einer „Notlage“ und ihr Verhalten scheint der einzige Weg zu sein, um ihre sozialen Grundbedürfnisse gestillt zu bekommen. Namentlich sind dies folgende: Dazugehören und sich geliebt fühlen, fähig und wirkmächtig sein, Einfluss nehmen können, Bedeutung haben, respektiert und fair behandelt werden, sich geborgen und sicher fühlen, Mut zum Wagnis haben.

Glaubt ein Kind, aus seiner subjektiven Sicht, dass es nicht dazugehört oder einen Platz in der Familie hat, versucht es mit ungeeigneten Mitteln sein Ziel zu erreichen. Es bedient sich sogenannter „irriger Nahziele“. Dieser Vorgang geschieht jedoch unbewusst und ist keineswegs eine „geplante Aktion des Kindes“. Individualpsychologisch gesehen, verfolgt jedes Verhalten und jede Handlung einen bestimmten Zweck, denn wenn es dem Kind nicht gelingt, sich durch positives Verhalten dazugehörig zu fühlen, wird es alles daran setzen, mit negativem Verhalten an sein Ziel zu gelangen. Es nimmt in Kauf, getadelt, beschimpft oder bestraft zu werden, denn ignoriert zu werden ist für das Kind noch viel schlimmer.

So lassen sich denn auch die Ziele des störenden Betragens in vier Entmutigungs-Stufen einteilen:

  • Aufmerksamkeit erregen; Dahinter steht das Bedürfnis an Beteiligung.
  • Macht demonstrieren; Dahinter stehen das Bedürfnis nach Selbständigkeit und der Wunsch Einfluss nehmen zu können.
  • Vergeltung und Rache; Das Kind möchte Fairness und Gleichwertigkeit.
  • Unfähigkeit unter Beweis stellen; Das Bedürfnis nach Kompetenz möchte hier gestillt werden.

Sind sie als Eltern, Erzieher oder Lehrer in der Lage, das Grundbedürfnis zu erkennen, können sie aus einer anderen Perspektive reagieren und handeln. Restriktives Handeln bei Fehlverhalten führt zwangsläufig zu einer Verstärkung. Kinder sind sich in der Regel der Ziele ihres Fehlverhaltens nicht bewusst, jedoch der Konsequenzen sehr wohl. Sie lernen welche Reaktion sie bekommen, wenn sie Fehlverhalten zeigen. Es mag sich paradox anhören, aber lieber mit „Boshaftigkeit“  oder mit schlechtem Benehmen Aufmerksamkeit bekommen oder als „Störenfried“ gelten,  als sich unbedeutend, unfähig oder nicht dazugehörend fühlen. Lieber in einem negativ besetzten Feld „glänzen“ und  dort „der Beste“ zu sein, als gar keine Bedeutung zu besitzen.

Entscheidend ist, wie Sie in der Lage sind das Fehlverhalten zu deuten, zu verstehen und wie Sie darauf reagieren.

Sind alle drei Stufen der irrigen Nahziele durchlaufen und führen beim Kind/Jugendlichen nicht „zum Erfolg“, kann es sein, dass mit passiv-destruktivem Verhalten versucht wird, Niederlagen zu entkommen. Durch das „Unter Beweis stellen der eigenen Unfähigkeit“,  verfolgt das Kind das Ziel nun in Ruhe gelassen zu werden um jeglichen Erwartungen aus dem Weg zu gehen. Das Kind/Jugendlicher gibt auf.

Es erfordert viel Bereitschaft und ein psychologisches Gespür, dem Verhalten und dem damit angestrebten Ziel auf die Schliche zu kommen. Die Gründe können vielfältig sein und es lohnt sich in jedem Fall, näher hinzuschauen, welche Beweggründe zu destruktivem Verhalten des Kindes/Jugendlichen führen. Im Eltern – Kind Coaching werden Schule, Umfeld, Familie, Geschwister etc.  miteinbezogen und beleuchtet um mögliche Quellen der Entmutigung festzustellen. Welche Anteile sind  in der subjektiven Meinung des Kindes zu suchen und welches sind Interaktionen des Umfeldes die nicht dienlich sonder eher kontraproduktiv wirken können.

Wenn also wieder einmal von „Tyrannen-Kindern“ die Rede ist, ziehen sie nicht allzu vorschnelle Rückschlüsse  über das  Verhalten eines Kindes oder eines Jugendlichen und verurteilen sie den Betroffenen nicht zum Vornherein.

Lisa Werthmüller

 

 

 

 

 

 

 

 

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