Institutionelle Werte – gelebte Haltung oder pädagogische Fassade?

Lisa Werthmüller

Lisa Werthmüller

Dipl. Psychologische Beraterin – traumasensible Familienbegleitung. Für eine kindgerechte Entwicklung – damit Kinder und Jugendliche emotional satt sind und in der Folge im Erwachsenenalter psychisch gesund.

15. Mai 2025 auf LinkedIn

Viele pädagogische Institutionen schreiben sich Werte wie Achtsamkeit, Vertrauen und Wertschätzung auf die Fahne – und arbeiten gleichzeitig mit Sanktionen, rigiden Regelwerken und strenger Kontrolle. Wie passt das zusammen?

In meinem aktuellen Artikel beschreibe ich den Spannungsbogen zwischen formulierten Idealen und gelebter Realität – und warum Beziehung, Selbstreflexion und gelebte Werte keine Option, sondern Voraussetzung für Entwicklung sind.

Werte in pädagogischen Institutionen können – richtig verstanden – eine tragende Grundlage für gemeinsames Handeln und Zusammenleben sein. Sie geben Orientierung, stiften Identität und schaffen einen inneren Bezugsrahmen, der uns erinnert, wofür wir als Menschen und als Institution stehen. Sie formulieren ein Ideal und können ein Korrektiv sein inmitten von Alltag, Routinen und Strukturen. Doch Werte entfalten ihre Wirkung nur, wenn sie verkörpert, gelebt und in Beziehungen erlebbar gemacht werden.

Was geschieht, wenn Anspruch und Alltag auseinanderfallen?

Wenn eine Institution sich auf Werte wie Wertschätzung, Achtsamkeit, Respekt, Vertrauen, Vergebung oder Nächstenliebe beruft, gleichzeitig aber auf Strukturen von Reglementierung, Disziplinierung und Kontrolle zurückgreift, entsteht ein Spannungsverhältnis.

Ein Regelkatalog, der Regelbrüche automatisch sanktioniert, verschiebt den Fokus: Erwachsene übernehmen nicht mehr die Rolle der zugewandten Beziehungsperson, sondern agieren als Kontrollinstanz und Richter. Damit wird das Vertrauen im Voraus durch institutionelle Machtausübung ersetzt – an die Stelle von Beziehung tritt Bewertung.

Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle

Vertrauen lässt sich nicht durch Kontrollmechanismen erzeugen – im Gegenteil. Sie vermitteln dem Kind: Ich traue dir nicht – deshalb muss ich dich kontrollieren. Respektvolle Beziehungen entstehen nicht durch Sanktionen, sondern durch Zuwendung, Verständnis und emotionale Sicherheit. Strafen wirken beschämend und verletzend. Sie zerstören Mitgefühl – sowohl für andere als auch für sich selbst.

Langfristig können sie die Fähigkeit zur Empathie einschränken, Ärger und Wut verstärken und die emotionale Entwicklung hemmen. Die Botschaft lautet dann: Ich bin mehr wert als du, denn ich habe die Macht. Und: Du bist nicht okay, so wie du bist.

Die Gefahr von pädagogischer Form ohne Haltung

Wenn wir ausschließlich Konventionen und Normverhalten vermitteln – etwa über Hausordnungen oder Verhaltenserwartungen – und den eigentlichen emotionalen Gehalt ausblenden, vermitteln wir keine Werte, sondern Anpassung.

Echte Wertschätzung zeigt sich nicht im Einfordern von Regeln, sondern in der Art und Weise, wie wir auf deren Bruch reagieren. Kommt ein Kind zu spät zum Essen, können wir mit Sanktion antworten – oder mit Interesse: Was war los? Was hat dazu geführt? Wie können wir es gemeinsam anders gestalten?

Vom Verhalten zum Gefühl – Perspektivwechsel wagen

Es braucht die Bereitschaft, nicht von institutionellen Erwartungen aus zu reagieren, sondern vom Menschen her zu denken: Geht es wirklich um das Kind – oder um ein Verhalten, das wir als „richtig“ empfinden? Ein klassisches Regelwerk signalisiert oft: Du bist okay, solange du dich anpasst. Bedürfnisse und Gefühle fallen durchs Raster.

Ein liebevoller, gewaltfreier Umgang – geprägt von Achtsamkeit und Beziehung – stärkt hingegen das Selbstwertgefühl. Kinder, die lernen, dass sie Nein sagen dürfen, dass ihre Gefühle zählen und sie in ihrer Not begleitet werden, entwickeln Schutzkompetenz, Selbstwirksamkeit und Beziehungsfähigkeit.

Anpassung ist kein Zeichen von Entwicklung

Der äussere Erfolg von Sanktionen ist oft trügerisch. Kinder passen sich an, weil sie keine Wahl haben – nicht, weil sie verstanden haben. Nur weil ein Kind ruhig ist, heisst das nicht, dass es innerlich zur Ruhe gekommen ist. Oft sind seine Bedürfnisse weiterhin unerfüllt – und es hat gelernt: Ich darf mich nicht zeigen.

Viele Erwachsene kennen diesen Mechanismus aus ihrer eigenen Biografie: Ich werde nur geliebt, wenn ich funktioniere.Daraus entstehen Glaubenssätze wie: Ich darf nicht Nein sagen. Ich muss es allen recht machen. Diese Erfahrungen prägen bis ins Erwachsenenleben hinein.

Was Kinder brauchen – und was wir als Fachpersonen entwickeln können

Wirklich gelebte Werte entstehen, wenn wir uns dafür interessieren, was hinter dem Verhalten steckt. Wenn wir mit Kindern in Beziehung bleiben – gerade dann, wenn es schwierig wird. Wenn wir uns fragen:

  • Was braucht dieses Kind jetzt wirklich?
  • Was ist der emotionale Ursprung seines Verhaltens?
  • Was macht sein Verhalten mit mir – und warum?

So entsteht ein Raum, in dem sich Beziehung entwickeln kann – jenseits von Bewertung.

Einladen statt kontrollieren – Beziehung gestalten

Diese Wege sind nicht immer einfach. Sie fordern uns als Fachpersonen heraus, sie brauchen Mut, Geduld, Selbstreflexion und die Bereitschaft, eigene Muster zu hinterfragen. Aber sie sind – aus bindungsorientierter Sicht – der nachhaltigste Weg für gesunde Entwicklung.

Wenn wir Kinder und Jugendliche wirklich begleiten wollen, brauchen wir eine Pädagogik, die sich nicht auf Form, sondern auf Haltung stützt.

Werte leben heisst, sich in Beziehung zu zeigen.

  • Verantwortung statt Bewertung

Wir nutzen unsere elterliche oder pädagogische Autorität nicht aus, sondern gehen verantwortungsvoll damit um. Wir übernehmen die Verantwortung für die Qualität der Beziehung zu unseren Kindern und bieten durch unsere Führung Orientierung, um ihr Grundbedürfnis nach Sicherheit zu erfüllen.

  • Achtsamkeit statt Strafe

Statt das Verhalten ändern zu wollen, nehmen wir es als wichtiges Signal und erkennen die dahinterliegenden Gefühle und Bedürfnisse. Wir fühlen uns ein, begegnen unseren Kindern empathisch und bleiben authentisch in unserer Rolle als Bezugspersonen.

  • Wertschätzung statt Abwertung

Unser Kind ist ein kleiner, aber gleichwertiger Mensch, den wir wertschätzend behandeln. Wir positionieren uns klar, achten unsere eigenen Grenzen und respektieren die unseres Kindes. Bewusst vermeiden wir es, diese absichtlich zu übertreten.

  • Vertrauen statt Kontrolle

Wir vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten als Eltern oder Bezugspersonen sowie in die Entwicklungskompetenz unseres Kindes. Wir lassen es eigene Erfahrungen machen, schaffen sichere Räume für diese Erfahrungen und begleiten es unterstützend, statt es zu bevormunden oder durch Kontrolle einzuschränken.

  • Miteinander statt Gegeneinander

Kinder sind von Natur aus kooperativ und arbeiten mit uns im Alltag zusammen. Gemeinsame Tätigkeiten fördern die Verbindung. Gleichzeitig braucht das Kind Räume für Autonomie und Selbstständigkeit. In Konflikten vermeiden wir Machtkämpfe, ohne dabei Konflikte zu unterdrücken. Stattdessen suchen wir immer wieder Möglichkeiten, in Verbindung zu bleiben und ein lebendiges Miteinander zu gestalten.

  • Dialog statt Monolog

Wir haben echtes Interesse an der Sichtweise unseres Kindes und gehen offen und unvoreingenommen in Gespräche. Wir hören bewusst zu, nehmen es ernst und versuchen, seine Perspektive nachzuvollziehen – auch wenn wir uns nicht immer einig sind. Ein wertschätzender Dialog fördert gegenseitiges Verständnis und Verbundenheit.

  • Gleichwürdige Beziehung statt belasteter Struktur

Durch diese Werte gelingt eine konstruktive, respektvolle und liebevolle Beziehung voller Vertrauen und tiefer Verbundenheit. Statt das Kind zu erziehen, begleiten wir es und ermöglichen ihm, sich in einem sicheren, wertschätzenden Umfeld zu entfalten.

✨Eltern-Sein bedeutet, ständig zwischen äusseren Anforderungen und innerem Erleben zu balancieren.

Lisa Werthmüller

Lisa Werthmüller

Dipl. Psychologische Beraterin – traumasensible Familienbegleitung. Für eine kindgerechte Entwicklung – damit Kinder und Jugendliche emotional satt sind und in der Folge im Erwachsenenalter psychisch gesund.

17. Mai 2025 auf LinkedIn

Eltern zu sein bedeutet weit mehr, als nur den Alltag zu bewältigen und für die Kinder da zu sein. Es bedeutet auch, sich selbst immer wieder neu kennenzulernen – in der Beziehung, im Spagat zwischen eigenen Bedürfnissen und denen des Kindes, in Momenten der Unsicherheit oder inneren Überforderung.

Viele Mütter und Väter tragen einen hohen Anspruch in sich: präsent, geduldig, stark und liebevoll zu sein – jederzeit. Doch in der Realität geraten wir oft an unsere Grenzen. Und genau dort beginnt ein Raum, den es zu betrachten lohnt:

Was passiert in mir, wenn ich mich als Mutter oder Vater überfordert fühle? Wie reagiere ich, wenn das Verhalten meines Kindes etwas in mir auslöst? Und wie kann ich aus dieser inneren Spannung wieder zurückfinden – in Verbindung, in Handlungskraft, in Balance?

In der elterlichen Begleitung treffe ich häufig auf Mütter und Väter, die mit grossem Engagement und Verantwortungsgefühl ihren Familienalltag gestalten – und gleichzeitig mit einem inneren Druck ringen, nicht zu genügen. Nicht selten zeigt sich dieser Druck in Fragen wie:

„Was mache ich falsch?“ „Warum reagiere ich so empfindlich?“ „Wieso funktioniert das bei anderen scheinbar besser?“

Die Vorstellung, im Alltag „funktionieren“ zu müssen, führt oft dazu, dass schnelle Lösungen gesucht werden – insbesondere in akuten Belastungssituationen. In klassischen Erziehungsberatungen stehen daher häufig konkrete Handlungsstrategien im Mittelpunkt: Was kann ich tun, wenn mein Kind trotzt, aggressiv ist oder sich zurückzieht?

Diese Ebene ist zweifellos wichtig. Und doch greift sie aus meiner Sicht oft zu kurz – insbesondere dann, wenn Eltern sich selbst dabei aus dem Blick verlieren.

Elternsein ist mehrdimensional

Als Eltern sind Sie nicht nur erziehende Instanz, sondern ein ganzer Mensch – mit Gedanken, Prägungen, Gefühlen, einem Nervensystem und einem Körper, der auf Belastung reagiert.

Daher arbeite ich in meinen Beratungen bewusst ganzheitlich: Ich berücksichtige nicht nur das Verhalten des Kindes, sondern auch die innere Welt der Eltern, die körperliche Verfassung – Körpersymptome, emotionale Reaktionen und oft unbewusste Denkmuster.

Viele emotionale und körperliche Reaktionen im Alltag lassen sich erst verstehen, wenn wir sie im Zusammenhang mit der individuellen Lebensgeschichte betrachten. Gefühle wie Überforderung, Gereiztheit, Rückzug oder auch Schuld entstehen nicht „einfach so“ – sie sind meist Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels zwischen aktuellen Anforderungen, inneren Überzeugungen und oft älteren Erfahrungen.

Wahrnehmen statt vorschnell lösen

Bevor wir gemeinsam nach Lösungen suchen, ist es deshalb hilfreich, zunächst einmal innezuhalten und die Situation aus einer beobachtenden Perspektive zu betrachten:

🌿Was geschieht gerade – in meinem Denken, in meinem Körper, in meinem emotionalen Erleben?

🌿Was wiederholt sich möglicherweise immer wieder, ohne dass ich es beabsichtige?

🌿Welche meiner Reaktionen fühlen sich automatisch oder überstark an?

Diese Form der Selbstwahrnehmung eröffnet einen Zugang zu innerer Orientierung – sie hilft, das eigene Reaktionsmuster zu verstehen, bevor neue Handlungsoptionen entwickelt werden.

Denn: Nachhaltige Veränderung entsteht selten unter Druck. Sie beginnt dort, wo wir das, was ist, zunächst einmal ernst nehmen und würdigen.

Selbstregulation als Basis für elterliche Präsenz

Viele Eltern erleben im Alltag Momente, in denen sie sich „außer sich“ fühlen – innerlich angespannt, überreizt oder erschöpft. Diese Zustände haben weniger mit persönlichem Versagen zu tun als mit einem dysregulierten Nervensystem.

Erst wenn wir innerlich wieder zur Ruhe finden, werden wir handlungsfähig. In diesem Zustand können wir achtsam auf unser Kind eingehen, eigene Grenzen wahrnehmen und in Beziehung bleiben – auch in herausfordernden Momenten.

💡Deshalb steht am Anfang einer gelingenden elterlichen Begleitung häufig nicht die Frage „Was soll ich tun?“, sondern vielmehr:

Wie geht es mir gerade wirklich? Bin ich in Kontakt mit mir selbst? Was brauche ich, um innerlich stabil zu bleiben?

Drei hilfreiche Fragen zur Selbstwahrnehmung:

Wenn Sie sich in einer belastenden oder wiederkehrend schwierigen Situation mit Ihrem Kind befinden, können die folgenden Fragen eine erste Orientierung bieten:

🌿Was denke ich über mich in dieser Situation?

🌿Welche körperlichen Empfindungen nehme ich wahr?

🌿Welche Gefühle sind im Moment präsent – und wirken sie möglicherweise älter als der aktuelle Anlass?

Diese Fragen ersetzen keine Handlung, sie schaffen jedoch eine wertvolle Grundlage: Verbindung mit sich selbst. Und aus dieser Verbindung heraus lassen sich – in einem zweiten Schritt – auch wieder tragfähige Lösungen entwickeln.

Es geht nicht darum, alles richtig zu machen – sondern in Beziehung zu bleiben.

Elternschaft ist kein statischer Zustand, sondern ein ständiger Entwicklungsprozess – oft geprägt von hoher Verantwortung, innerer Ambivalenz und dem Wunsch, es „richtig“ zu machen.

In meiner Arbeit geht es daher nicht um Bewertung oder Optimierung, sondern um Verständnis und Stärkung. Eltern dürfen mit dem arbeiten, was da ist. Sie dürfen Pausen brauchen, Rat suchen und auch mal hilflos sein.

Sie müssen nicht vollkommen sein, um verbunden zu sein. Sie müssen nicht alles wissen, um handlungsfähig zu bleiben. Es genügt, da zu sein – in Beziehung zu sich selbst und zu Ihrem Kind.

Werte, Lügen und Vertrauen – Wie Kinder Werte entwickeln und warum Beziehung dabei entscheidend ist

Lisa Werthmüller

Lisa Werthmüller

Dipl. Psychologische Beraterin – traumasensible Familienbegleitung. Für eine kindgerechte Entwicklung – damit Kinder und Jugendliche emotional satt sind und in der Folge im Erwachsenenalter psychisch gesund.

4. Juni 2025 auf LinkedIn

Wenn Kinder lügen, etwas verheimlichen oder sich nicht an Abmachungen halten, löst das bei uns Erwachsenen oft starke Reaktionen aus. Unser Wertegerüst – geprägt von Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Verantwortung – wird aktiviert. Begriffe wie „Lügen“ oder „Stehlen“ haben für uns eine moralisch und gesellschaftlich grosse Bedeutung.

Schnell neigen wir dazu, zu strafen, Kontrolle auszuüben oder auf rigide Erziehungsmuster zurückzugreifen. Doch die kindliche Perspektive auf solche Situationen unterscheidet sich grundlegend von der unseren – sowohl kognitiv als auch emotional.

Die Fähigkeit, Wahrheit von Unwahrheit bewusst zu unterscheiden und moralisch zu bewerten, entwickelt sich über viele Jahre. Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren sind dazu noch gar nicht in der Lage. Ihr Denken ist stark von Fantasie, magischem Denken und inneren Bildern geprägt. Ihre Aussagen sind oft kein Versuch zu täuschen, sondern ein Ausdruck von innerem Erleben, Wunschdenken oder dem Versuch, Unverstandenes zu erklären.

Erst ab etwa sechs Jahren beginnt sich die Fähigkeit zur Perspektivübernahme zu entwickeln. In dieser Zeit entsteht nach und nach ein moralisches Verständnis dafür, was eine Lüge ist und was sie für andere bedeutet. Auch Empathie wächst mit – ebenso wie die Fähigkeit, Absichten zu reflektieren. Das heisst; Erst im Grundschulalter beginnen Kinder überhaupt, bewusster zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden – und das ist ein Prozess, der sich bis ins Jugendalter hinein fortsetzt.

Wenn ein Kind lügt, steckt selten Absicht oder böser Wille dahinter. Viel häufiger ist es ein Schutzmechanismus: aus Angst vor Strafe, vor dem Verlust von Anerkennung oder vor Enttäuschung der Bezugsperson. Es ist eine Reaktion auf ein inneres Ungleichgewicht – nicht ein gezielter Akt gegen uns Erwachsene. Dennoch erleben wir Lügen oft als Vertrauensbruch und reagieren verletzt oder ärgerlich. Doch genau diese Reaktion kann das Problem verstärken: Kinder, die die Erfahrung machen, dass Fehler oder unangenehme Wahrheiten mit Strafe oder einer Konsequenz beantwortet werden, lernen, die Wahrheit zu vermeiden. Nicht, weil sie nicht ehrlich sein wollen – sondern weil sie nicht gelernt haben, dass Konflikte mit Erwachsenen sicher und wertschätzend geklärt werden können.

Wenn wir als Eltern oder Fachpersonen eine ehrliche Beziehung zu unseren Kindern aufbauen wollen, sollten wir den Blick weniger auf das Verhalten als vielmehr auf „was steckt dahinter?“ richten. Warum konnte das Kind nicht offen sprechen? Hatte es Angst? Fühlte es sich überfordert? Gab es bereits Erfahrungen, in denen die Wahrheit zu negativen Konsequenzen führte? Hat es das Gefühl, in der Familie keine Mitbestimmung oder keine echte Lösungskompetenz zu erleben?

Gleichzeitig lohnt es sich, die eigene Haltung zu hinterfragen: Wie gestalte ich die Beziehung zu meinem Kind? Gibt es Raum für Offenheit? Kann mein Kind sicher sein, dass wir gemeinsam Lösungen suchen – auch bei Fehlern?

Diese Fragen werden auch bei alltäglichen Situationen relevant, etwa wenn ein Kind wiederholt zu spät vom Spielplatz kommt. Schnell entsteht dann der Eindruck: „Ich kann dir nicht mehr vertrauen.“ Daraus folgen oft Einschränkungen oder Verbote – dabei liegt das „Problem“ häufig einfach darin, dass Kinder in diesem Alter noch kein verlässliches Zeitgefühl haben. Sie sind im Spiel versunken, im Moment, und ihnen fehlt schlicht die Fähigkeit zur Selbstregulation in Bezug auf Zeit.

Statt Belehrung oder Vorwürfe braucht es hier liebevolle Begleitung, Erprobung und Wiederholung – sowie kindgerechte Unterstützungen wie z. B. Erinnerungen, flexible Zeitfenster oder verlässliche Übergangsrituale. Ziel ist nicht Kontrolle, sondern der Aufbau von Eigenverantwortung – in einem Rahmen, der zum Entwicklungsstand des Kindes passt.

In einer Zeit, in der Kinder mit zunehmendem Alter ihre Orientierung immer stärker nach aussen verlagern – hin zu Freund:innen, Schule und Gesellschaft – wird eine stabile, vertrauensvolle Bindung umso wichtiger. Diese entsteht nicht durch Druck oder moralische Appelle, sondern durch viele kleine Momente von Vertrauen, Annahme und begleitender Beziehung.

Eine nachhaltige Wertebildung bei Kindern entsteht durch das Erleben dieser Werte in Beziehung zu unseren Kindern und die Fähigkeit, Entwicklungsprozesse geduldig zu begleiten.

Sozialer Ausschluss als Strafe

Sozialer Ausschluss wird in Pädagogik und Institutionen bis heute als Strafe eingesetzt – obwohl wir wissen, dass er im Gehirn wie körperlicher Schmerz wirkt. Der Artikel beleuchtet die neurobiologischen und psychischen Folgen dieses Mechanismus und zeigt auf, warum beziehungsorientierte Alternativen nicht nur wirksamer, sondern auch ethisch notwendig sind.

Neurobiologische, psychologische und pädagogische Perspektiven – und warum dieses Konzept überholt ist

1. Das Phänomen: Sozialer Ausschluss wirkt wie Schmerz

Sozialer Ausschluss ist kein harmloses pädagogisches Mittel, sondern ein tief wirksamer Stressor. Neurobiologische Forschung zeigt, dass soziale Zurückweisung, Isolation oder Ausschluss dieselben neuronalen Netzwerke aktiviert wie körperlicher Schmerz. Besonders betroffen sind Hirnareale, die für Bedrohungswahrnehmung, Schmerzverarbeitung und Stressregulation zuständig sind.

Aus evolutionsbiologischer Sicht ist dies gut erklärbar:
Der Ausschluss aus der Gruppe bedeutete über einen Großteil der Menschheitsgeschichte Lebensgefahr. Zugehörigkeit war essenziell für Schutz, Nahrung und Überleben. Unser Nervensystem ist daher bis heute darauf ausgerichtet, sozialen Ausschluss als existentielle Bedrohung zu interpretieren.

Wichtig:
Dieses System unterscheidet nicht zwischen einem steinzeitlichen Clan und einer heutigen Schulklasse, Wohngruppe oder Institution. Für Kinder und Jugendliche ist der Ausschluss aus ihrer sozialen Bezugsgruppe neurobiologisch immer noch ein Überlebenssignal.

2. Pädagogische Praxis: Ausschluss als Disziplinierungsinstrument

Trotz dieses Wissens wird sozialer Ausschluss bis heute systematisch eingesetzt, unter anderem durch:

  • Ausschluss aus der Gruppe oder Klasse
  • Ausschluss von Aktivitäten oder Ausflügen
  • „Time-out“-Maßnahmen ohne Beziehungsangebot
  • Früheres Ins-Bett-Schicken
  • Nicht-Teilnahme an Gemeinschaftsereignissen
  • Isolierende Sanktionen in Schulen, Heimen, Kliniken

Diese Maßnahmen werden häufig damit begründet, dass ein Kind „stört“, „Regeln nicht einhält“ oder „Grenzen lernen muss“. Tatsächlich handelt es sich dabei um verdeckte soziale Bestrafung, die auf Trennung statt Beziehung setzt.

3. Die psychischen Folgen: Tiefe Verletzungen statt Lernen

Sozialer Ausschluss führt nicht zu nachhaltiger Verhaltensänderung, sondern häufig zu:

  • Scham und Selbstabwertung
  • Angst vor weiterer Ablehnung
  • Verstärktem Stress- und Alarmzustand
  • Bindungsunsicherheit oder -abbruch
  • Internalisierenden Symptomen (Rückzug, Depression)
  • Externalisierenden Symptomen (Aggression, Regelbruch)

Für viele Kinder – insbesondere für jene mit frühen Belastungen, Bindungsverletzungen oder traumatischen Erfahrungen – wirkt sozialer Ausschluss retraumatisierend. Er bestätigt unbewusst alte innere Überzeugungen wie:

„Ich gehöre nicht dazu.“
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
„Ich werde verlassen, wenn ich schwierig bin.“

Damit wird nicht Verhalten reguliert, sondern Beziehungssicherheit zerstört.

4. Warum Ausschluss kein pädagogisches Lernen ermöglicht

Lernen setzt voraus:

  • emotionale Sicherheit
  • ein reguliertes Nervensystem
  • Beziehung und Resonanz

Sozialer Ausschluss bewirkt das Gegenteil. Kinder im Stress- oder Alarmzustand können nicht reflektieren, Verantwortung übernehmen oder ihr Verhalten bewusst verändern. Sie reagieren im Überlebensmodus: Kampf, Flucht, Erstarrung oder Anpassung aus Angst.

Das bedeutet:
Was äußerlich wie „Anpassung“ aussieht, ist häufig blosse Unterwerfung oder Dissoziation – kein echtes Verstehen.

5. Der Kernfehler: Verhalten kontrollieren statt Ursachen verstehen

Klassische verhaltensorientierte Erziehung geht davon aus:

Problematisches Verhalten muss korrigiert oder sanktioniert werden.

Moderne entwicklungspsychologische und traumapädagogische Ansätze zeigen jedoch:

Verhalten ist ein Signal, kein Fehlverhalten.

Auffälliges Verhalten weist häufig hin auf:

  • Überforderung
  • ungelöste innere Konflikte
  • unerfüllte Bedürfnisse
  • Stress, Angst oder Ohnmacht
  • fehlende Co-Regulation

Wer ausschließlich Verhalten „anpassen“ will, ohne die zugrunde liegende Not zu verstehen, arbeitet gegen das Kind – nicht mit ihm.

6. Was stattdessen wirksam und ethisch vertretbar ist

a) Beziehung statt Ausschluss

Kinder brauchen Zugehörigkeit gerade dann, wenn sie „schwierig“ sind. Beziehung ist kein Bonus für angepasstes Verhalten, sondern Voraussetzung für Entwicklung.

b) Co-Regulation statt Isolation

Ein dysreguliertes Kind braucht ein regulierendes Gegenüber:

  • ruhige Präsenz
  • Benennung von Gefühlen
  • Halt und Struktur
  • zeitlich begrenzte Pausen mit Beziehung, nicht allein

c) Verhalten als Ausdruck verstehen

Zentrale Frage nicht:

„Wie bringen wir das Kind dazu, sich richtig zu verhalten?“

Sondern:

„Was zeigt uns dieses Verhalten über den inneren Zustand des Kindes?“

d) Pädagogische Verantwortung statt Machtmittel

Grenzen dürfen und müssen gesetzt werden – ohne Beziehung zu entziehen, wenn man sich oder andere schützen muss.

  • in Begleitung
  • reparierend
  • entwicklungsfördernd
  • nicht beschämend sein

7. Fazit: Ein Paradigmenwechsel ist notwendig

Sozialer Ausschluss als Strafe ist:

  • neurobiologisch hoch wirksam
  • psychisch verletzend
  • pädagogisch kontraproduktiv
  • ethisch nicht haltbar

Dass dieser Mechanismus bis heute in Schulen, Heimen, Kliniken und Institutionen verwendet wird, zeigt weniger den Bedarf der Kinder – sondern den Mangel an beziehungsorientierten, traumasensiblen Konzepten.

Eine zukunftsfähige Pädagogik verabschiedet sich von Verhaltensanpassung durch Angst und setzt stattdessen auf:

  • Beziehung
  • Verstehen
  • Sicherheit
  • Ermöglichen von korrigierenden Beziehungserfahrungen
  • Co-Regulation

SAFE – Was Kinder brauchen

Von Lisa Werthmüller

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel aus 2023 und wurde im Jahr 2025 sprachlich und inhaltlich sanft überarbeitet.

Lisa Werthmüller hat eine Rezension zur TV-Serie SAFE geschrieben, die seit Oktober 2022 im ZDF zu sehen ist. Dabei bleibt sie nicht bei einer Beschreibung stehen, sondern verbindet die Eindrücke aus der Serie mit Anregungen für eine beziehungs- und entwicklungsorientierte Begleitung von Kindern. Ihr zentrales Anliegen ist es, den Blick auf kindgerechte Umgebungen und präventive Beziehungsgestaltung zu lenken – als Ergänzung zu bestehenden therapeutischen Angeboten.

Die TV-Serie SAFE der Oscar-prämierten Regisseurin Caroline Link begleitet vier Kinder im Alter von fünf bis sechzehn Jahren, die aufgrund belastender Symptome psychotherapeutische Unterstützung erhalten. In acht Episoden tauchen wir in die Lebenswelten von Ronja, Sam, Jonas und Nellie ein und lernen ihre individuellen Geschichten, Herausforderungen und inneren Kämpfe kennen.

Die inszenierten Therapiesitzungen sind berührend und intensiv. Auffallend ist dabei weniger das gesprochene Wort, sondern vielmehr die Atmosphäre, die von den beiden Therapeut*innen Katinka und Tom geschaffen wird: eine Haltung von Präsenz, Echtheit und Wohlwollen, die sich in Blicken, Gesten und im feinen zwischenmenschlichen Miteinander ausdrückt. Auf diese Weise erfahren die Kinder etwas zutiefst Heilendes:
Du bist richtig, so wie du bist.

Es geht nicht um Korrektur oder Bewertung von Verhalten, sondern um Beziehung – um Halt, Verlässlichkeit und echtes Interesse am inneren Erleben der Kinder und Jugendlichen. Gerade weil viele von ihnen zuvor immer wieder durch ihr Verhalten aufgefallen, kritisiert oder mit Massnahmen konfrontiert worden sind, erleben sie hier erstmals einen Raum, in dem alle Gefühle erlaubt sind und ihr Sein nicht an Bedingungen geknüpft wird.

Die Serie regt jedoch auch zum Nachdenken an. Sie macht sichtbar, dass Kinder oft erst in therapeutischen Kontexten auf Erwachsene treffen, die ihnen in dieser zugewandten, haltgebenden Weise begegnen – also dort, wo emotionale Bedürfnisse nachträglich wahrgenommen und genährt werden.

Was können nun Eltern, pädagogische Fachpersonen und Lehrkräfte aus dieser Serie lernen?

Wenn wir unseren Bildungsalltag betrachten, wird sichtbar, wie stark dieser bereits im Kindergarten von Bewertungen, Vergleichen und Leistungsurteilen geprägt ist. Diese Strukturen sind historisch gewachsen und beeinflussen bis heute den Blick auf Kinder und ihr Verhalten. Entsprechend liegt der Fokus häufig stärker auf äusserlich sichtbaren Reaktionen als auf den inneren Erlebniswelten der Kinder.

Wenn wir Kindern und Jugendlichen offen, unvoreingenommen und mit echtem Interesse begegnen, eröffnet sich die Möglichkeit, ihre Erfahrungen besser zu verstehen. Verhaltensweisen können dann im Kontext gesehen werden – nicht mehr primär als „Auffälligkeiten“, sondern als Ausdruck innerer Zustände und unerfüllter Bedürfnisse.

Alle Menschen – und insbesondere Kinder – haben das tiefe Bedürfnis, mit ihren Gefühlen gesehen und verstanden zu werden. Erst durch authentisches Verstehen und wertschätzende Begegnung, die an keine Bedingungen geknüpft ist, können Kinder beginnen, auch sich selbst besser zu verstehen.

Wenn Verhalten nicht vorschnell bewertet oder sanktioniert wird, sondern als wertvolles Signal für innere Prozesse verstanden werden darf, entsteht Raum für Perspektivwechsel: Wir können hinter die sichtbare Reaktion blicken und das Gefühl wahrnehmen, das sie bewegt.

Die Zunahme sogenannter „Verhaltensauffälligkeiten“ in Kindergärten und Schulen verweist aus entwicklungspsychologischer Sicht möglicherweise darauf, dass viele Kinder emotionalen Begleitbedarf haben. Manche herkömmlichen Erziehungsansätze können diesem Bedarf nur begrenzt gerecht werden und Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung nicht immer ausreichend unterstützen.

Eine gezielte Förderung der sozio-emotionalen Kompetenzen in pädagogischen Einrichtungen könnte hier präventiv und stärkend wirken. Ebenso spielen die eigenen Bindungs- und Beziehungserfahrungen der Erwachsenen eine wichtige Rolle – denn Kinder besser zu verstehen bedeutet immer auch, sich selbst besser zu verstehen.

Emotionale Entwicklung ist ein langer Prozess, der weit über die Kindheit hinausreicht. Kinder sind dabei zunächst auf Erwachsene angewiesen, die über ausgereiftere Möglichkeiten zur Selbstregulation verfügen. Sie brauchen nahe Bezugspersonen, die sie co-regulieren, begleiten und ihnen helfen, ihre Gefühle zu ordnen und zu halten.

Wie es sein könnte

Wie wertvoll wäre es, wenn Bildungsorte zunehmend zu Räumen würden, in denen:

  • emotionale Grundbedürfnisse nach Autonomie, Verbundenheit und Sicherheit bewusst wahrgenommen und begleitet werden,
  • Verhalten nicht vorschnell als störend oder problematisch eingestuft wird,
  • ein ressourcen- und beziehungsorientierter Blick den defizitären ersetzt,
  • weniger mit Kontrolle, Massnahmen und Konsequenzen gearbeitet wird,
  • Kinder nicht an normierte Verhaltenserwartungen angepasst werden müssen,
  • deviante oder intensive Gefühlsäusserungen als Teil gesunder Entwicklung verstanden werden – etwa als Ausdruck von Abgrenzung oder dem Wunsch nach Nähe,
  • überhöhte Erwartungen an emotionale Selbstregulation relativiert werden.

Viele Kinder sollen bereits früh Frustration bewältigen, starke Gefühle eigenständig regulieren oder sozial „funktionieren“. Doch all dies sind Fähigkeiten, die sich erst im Verlauf von Entwicklung und Beziehung ausbilden dürfen – nicht vorausgesetzt werden können.

Wenn Kinder sich angenommen fühlen, lernen sie:
Ich bin wertvoll. Ich werde gesehen und gehört. Meine Gefühle sind willkommen. Meine Grenzen zählen genauso wie die der anderen.

So entsteht innere Selbstwirksamkeit – unabhängig von äusserer Anerkennung. Kinder, die emotional genährt werden, entwickeln die Grundlage für psychische Gesundheit.

Ein gemeinsamer Weg

Kinder bindungs- und beziehungsorientiert zu begleiten bedeutet, alte Muster behutsam zu hinterfragen und neue Formen der Beziehungsgestaltung zu stärken. Dafür braucht es Eltern, Grosseltern, pädagogische Fachpersonen, Bildungsinstitutionen und politische Rahmenbedingungen, die dieser Haltung Raum geben.

Daher mein Appell:

Statt ausschliesslich auf mehr Therapieplätze zu setzen, darf unser gemeinsames Anliegen sein, Umgebungen zu schaffen, in denen Kinder sich von Beginn an psychisch gesund entwickeln können – getragen von Beziehung, Sicherheit und Wertschätzung.

Lisa Werthmüller
Dipl. psychosoziale Beraterin, Elterncoach in eigener Praxis, sozialpädagogische Familienbegleiterin und Autorin diverser Fachartikel zum bindungs- und beziehungsorientierten Umgang mit Kindern. In ihrer Arbeit begleitet sie Eltern und Fachpersonen dabei, kindliches Verhalten besser zu verstehen und tragfähige Beziehungen in den Mittelpunkt des pädagogischen Handelns zu stellen.

(Erschienen im Magazin der Schweizerischen Gesellschaft für Individualpsychologie nach Alfred Adler, 2023/01) Überarbeitet am 8.12.25

Die Bedeutung der Polyvagaltheorie für (traumatisierte) Kinder

Die Polyvagaltheorie erklärt, wie unser Nervensystem auf Stress und Sicherheit reagiert. Traumatisierte Kinder fühlen sich oft in einem Zustand von Kampf , Flucht oder Erstarren gefangen.

Warum ist das wichtig?
Das Nervensystem steuert, ob ein Kind entspannt und sozial verbunden oder angespannt und ängstlich ist. Übungen, die den Vagusnerv aktivieren, fördern Heilung, Vertrauen und emotionale Stärke 🌟🛠️.

Einfach anwendbares Spiel für dich als Mutter oder Vater (oder Pädagogische Fachkraft) basierend auf der Polyvagaltheorie:

Die Reise durch den Tiergarten der Gefühle – Wissenschaftlicher Hintergrund und Wirkungsweise

1. Wissenschaftlicher Hintergrund: Die Polyvagaltheorie

Die Polyvagaltheorie, entwickelt von Stephen Porges, beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem auf Stress und Sicherheit reagiert. Dabei wird insbesondere die Rolle des Vagusnervs hervorgehoben, der entscheidend für die Regulation von Emotionen, sozialen Interaktionen und die körperliche Gesundheit ist.

Der Vagusnerv steuert drei zentrale Zustände:

  1. Social Engagement System (soziale Verbundenheit): Ein Zustand der Sicherheit, in dem wir uns entspannt und verbunden fühlen.
  2. Fight-or-Flight-Modus (Kampf oder Flucht): Aktiviert bei wahrgenommenem Stress, um Gefahren zu bekämpfen oder zu entkommen.
  3. Shutdown (Erstarren oder Rückzug): Ein Schutzmechanismus bei überwältigendem Stress, der zu Passivität oder Rückzug führt.

Ziel der Polyvagaltheorie:
Das Ziel ist es, durch gezielte Übungen oder Erlebnisse das Nervensystem zu beruhigen, den Zustand der sozialen Verbundenheit zu fördern und Stressreaktionen zu regulieren.

2. Wirkungsweise des Spiels

Die „Reise durch den Tiergarten der Gefühle“ nutzt Prinzipien der Polyvagaltheorie, um Kindern und Jugendlichen zu helfen, Stress zu reduzieren, Selbstregulation zu fördern und eine stärkere Verbindung zu ihren Gefühlen herzustellen.

Wie funktioniert das?

  • Sicherheit schaffen: Jedes Tier bietet eine symbolische und körperliche Möglichkeit, das Nervensystem in den Zustand der Sicherheit und Verbundenheit zu bringen (z. B. durch ruhige Bewegungen, bewusste Atmung oder sanfte Berührung).
  • Selbstregulation fördern: Durch die Übungen lernen Kinder, sich bei Stress, Überforderung oder starken Gefühlen selbst zu beruhigen und wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
  • Förderung der Körperwahrnehmung: Bewegung und Achtsamkeitsübungen stärken die Verbindung zwischen Körper und Geist und helfen, Stresssignale besser zu erkennen.
  • Emotionen erkennen und benennen: Die Fantasiereisen und kreativen Elemente ermöglichen es den Kindern, Gefühle spielerisch wahrzunehmen und auszudrücken.

3. Wann und wofür kann das Spiel eingesetzt werden?

Das Spiel eignet sich für Kinder in verschiedenen Lebenssituationen, insbesondere wenn sie Unterstützung bei der Regulation von Emotionen oder dem Umgang mit Stress benötigen.

Geeignete Anwendungsbereiche:

  • Förderung emotionaler Kompetenz: Kinder lernen, ihre Gefühle zu erkennen, auszudrücken und zu regulieren.
  • Stressbewältigung: Das Spiel bietet Techniken, um mit Stress, Angst oder Überforderung umzugehen.
  • Unterstützung bei Traumafolgen: Kinder mit belastenden Erfahrungen können durch die Übungen Sicherheit und Selbstwirksamkeit erfahren.
  • Förderung von Aufmerksamkeit und Konzentration: Achtsamkeitsbasierte Übungen verbessern die Selbstwahrnehmung und erhöhen die Konzentrationsfähigkeit.
  • Stärkung sozialer Beziehungen: Übungen, die soziale Verbundenheit fördern (z. B. „Schmetterlingsmassage“), stärken die Bindung zu anderen.

Typische Einsatzorte:

  • Schulen (z. B. für Pausen- oder Entspannungsübungen).
  • Therapeutische Settings (z. B. Traumapädagogik oder Ergotherapie).
  • Familien (als gemeinsames Spiel zur Stärkung der Bindung).
  • Freizeitgruppen (zur Förderung von Entspannung und Freude).

4. Wissenschaftliche Wirkungsweise der Übungen

Die Übungen sind so gestaltet, dass sie den Vagusnerv aktivieren und das autonome Nervensystem positiv beeinflussen. Hier ist, wie die Übungen aus neurophysiologischer Sicht wirken:

1. Atemübungen (z. B. Schildkröte, Schmetterling):

  • Tiefe, bewusste Atmung stimuliert den Vagusnerv und aktiviert den parasympathischen Zustand (Ruhe und Entspannung).
  • Langsame Atembewegungen signalisieren dem Gehirn, dass keine Gefahr besteht, was den Körper beruhigt.

2. Körperwahrnehmung (z. B. Elefantenstampfen, Vogelperspektive):

  • Durch achtsame Bewegungen wird die propriozeptive Wahrnehmung gefördert, was das Gefühl von Kontrolle und Sicherheit verstärkt.
  • Der Fokus auf den Körper lenkt die Aufmerksamkeit von stressauslösenden Gedanken ab.

3. Fantasiereisen (z. B. Marienkäferwiese):

  • Kreative Vorstellungen helfen, das Nervensystem zu entspannen und eine positive, sichere emotionale Verbindung herzustellen.
  • Die Zuordnung von Farben oder Bildern zu Gefühlen erleichtert es Kindern, diese zu benennen und zu verarbeiten.

4. Soziale Übungen (z. B. Umarmung ):

  • Positive Berührung aktiviert das Oxytocin-System („Kuschelhormon“), das Sicherheit und Bindung fördert.
  • Übungen in Gruppen stärken die soziale Verbundenheit, die nach der Polyvagaltheorie essenziell für ein ausgeglichenes Nervensystem ist.

5. Fazit

Die „Reise durch den Tiergarten der Gefühle“ ist mehr als nur ein Spiel – es ist eine Methode, Kinder und Jugendliche mit wissenschaftlich fundierten Ansätzen zu stärken. Es hilft ihnen, Stress und Emotionen zu regulieren, sich sicher und verbunden zu fühlen und wichtige Resilienzfähigkeiten zu entwickeln.

Durch die Verbindung von Polyvagaltheorie, Bewegung, Fantasie und Achtsamkeit bietet das Spiel eine wirksame und nachhaltige Unterstützung für die emotionale und soziale Entwicklung.

Hier ist eine kindgerechte Anleitung für ein Spiel, das die Übungen und Symbole der Tiere kombiniert. Es ist interaktiv, macht Spaß und fördert gleichzeitig Achtsamkeit, Selbstregulation und Bewegung:

Spiel: Die Reise durch den Tiergarten der Gefühle 🐾

Alter: 4–10 Jahre
Dauer: 20–30 Minuten
Anzahl der Kinder: 1–10 (Einzel- oder Gruppenspiel)
Ziel: Die Kinder lernen durch Bewegung und Fantasie verschiedene Fähigkeiten wie Beruhigung, Stärke, Mut und Freude, inspiriert von Tieren.

Vorbereitung:

  1. Raum gestalten:
    Lege Kissen, Decken oder Matten im Raum aus, um verschiedene „Stationen“ zu schaffen. Jede Station repräsentiert ein Tier.
  2. Tiere auswählen:
    Wähle 4–6 Tiere aus der Liste (z. B. Schildkröte, Vogel, Elefant, Marienkäfer, Hase, Schmetterling).
  3. Requisiten (optional):
    • Stofftiere oder Bilder der Tiere.
    • Blumen oder Blätter für den Marienkäfer, ein Tuch für den Kokon (Schmetterling), o. Ä.

Spielablauf:

1. Einführung (Start der Reise):

Erkläre den Kindern:
„Heute gehen wir auf eine Reise durch den Tiergarten der Gefühle. Jedes Tier hat eine besondere Fähigkeit, die uns helfen kann, uns zu beruhigen, mutig zu sein oder Freude zu spüren. Lasst uns die Tiere besuchen und von ihnen lernen!“

2. Die Stationen:

An jeder Station schlüpfen die Kinder in die Rolle eines Tieres. Hier sind die Anleitungen für die einzelnen Tiere:

1. Schildkröte: Der Kokon der Ruhe 🐢

Thema: Rückzug und Beruhigung.

  • Anleitung:
    1. Rolle dich wie eine Schildkröte in deinen Panzer zusammen (setze dich auf die Knie und lege den Kopf auf den Boden, Arme eng am Körper).
    2. Atme langsam ein und aus, wie eine Schildkröte, die sich sicher fühlt.
    3. Nach ein paar Atemzügen „streckst“ du dich langsam, als ob du deinen Kopf und deine Beine aus dem Panzer schiebst.
  • Fantasie: „Die Schildkröte zeigt uns, wie wir uns beruhigen können, wenn wir gestresst sind. In ihrem Panzer ist sie sicher und geborgen.“

2. Marienkäfer: Die Blumenwiese der Gefühle 🐞

Thema: Gefühle entdecken.

  • Anleitung:
    1. Stelle dir vor, du bist ein Marienkäfer, der über eine Wiese fliegt.
    2. Landet auf verschiedenen Blumen (z. B. Decken oder Kissen). Jede Blume hat eine Farbe, die ein Gefühl zeigt (Rot = Wut, Blau = Traurigkeit, Gelb = Freude).
    3. Sage, welche Gefühle du spürst, wenn du auf der Blume landest.
  • Fantasie: „Der Marienkäfer hilft uns, unsere Gefühle zu erkennen. Egal, welche Farbe die Blumen haben, sie sind alle schön!“

3. Elefant: Der Kraftvolle Schritt 🐘

Thema: Stärke und Erdung.

  • Anleitung:
    1. Gehe wie ein Elefant, ganz langsam und schwer, indem du deine Füße fest auf den Boden stampfst.
    2. Spüre, wie stark und sicher du bist.
    3. Strecke deinen Arm nach vorne wie einen Rüssel und „puste“ laut die Luft aus, um Spannungen loszulassen.
  • Fantasie: „Der Elefant zeigt uns, wie stark wir sind, auch wenn wir uns manchmal klein fühlen.“

4. Schmetterling: Die Flügel der Leichtigkeit 🦋

Thema: Freiheit und Entspannung.

  • Anleitung:
    1. Stehe auf und breite deine Arme aus wie Flügel.
    2. Bewege deine Arme langsam auf und ab, während du dir vorstellst, wie du leicht durch die Luft fliegst.
    3. Mache langsame, kreisende Bewegungen durch den Raum, als würdest du von Blume zu Blume fliegen.
  • Fantasie: „Der Schmetterling zeigt uns, wie wir uns frei und leicht fühlen können, auch wenn uns etwas belastet.“

5. Hase: Der flinke Sprung 🐇

Thema: Energie und Wachsamkeit.

  • Anleitung:
    1. Hüpfe wie ein Hase von Kissen zu Kissen (oder Punkt zu Punkt).
    2. Halte an und lege die Hände an die Ohren, um aufmerksam wie ein Hase zu lauschen.
    3. Springe wieder weiter, so flink und fröhlich wie du kannst.
  • Fantasie: „Der Hase zeigt uns, wie wir unsere Energie nutzen und gleichzeitig aufmerksam sein können.“

6. Vogel: Die Vogelperspektive 🕊️

Thema: Herausforderungen aus der Distanz betrachten.

  • Anleitung:
    1. Stelle dir vor, du bist ein Vogel, der hoch über der Erde fliegt.
    2. Strecke die Arme aus, schließe die Augen und „fliege“ ruhig durch den Raum.
    3. Überlege dir, wie klein die Probleme von oben wirken und wie frei du dich fühlen kannst.
  • Fantasie: „Der Vogel hilft uns, Dinge aus der Ferne zu betrachten und uns nicht von Problemen erdrücken zu lassen.“

7. Fuchs: Problemlösung 🦊

Thema: Mut finden, Entscheidungen zu treffen oder Probleme zu lösen.

  • Anleitung:
    1. Bastelt zusammen einen Würfel, auf dem jeder Würfelseite eine Frage steht, z. B.:
      • „Wer kann mir helfen?“
      • „Was brauche ich gerade?“
      • „Was würde der Fuchs tun?“
    2. Wenn ein Kind vor einer Herausforderung steht, würfelt es und beantwortet die Frage.
  • Ziel: Unterstützt Kinder dabei, sich bei Herausforderungen sicherer zu fühlen.

3. Abschluss (Rückkehr):

Setze die Kinder im Kreis zusammen und sage:
„Wir haben heute viele Tiere besucht, die uns etwas Besonderes beigebracht haben. Jetzt sind wir wieder zu Hause. Welches Tier hat dir am meisten gefallen? Und wann könntest du an dieses Tier denken, wenn es dir hilft?“

Lasse die Kinder ihre Gedanken teilen und schließe das Spiel mit einer sanften Atmungsübung ab (z. B. Schmetterlingsflügel-Atmung).

Optional:

Wenn du möchtest, können die Kinder am Ende ein Tier malen oder basteln, das sie besonders inspiriert hat.

Dieses Spiel ist flexibel und kann leicht an die Gruppengröße oder die Bedürfnisse der Kinder angepasst werden. Viel Spaß dabei! 😊

Mini-Workshop Stressregulation für Kinder ab 3-5 Jahren

Wenn du noch mehr darüber erfahren möchtest, oder andere ÜBUNGEN kennenlernen möchtest, lade ich dich ein, mich für einen Mini-Workshop bei dir an deiner Schule/Kita oder Institution zu buchen.

Anfragen per Mail: lisa.werthmueller@bluewin.ch oder mittels QR-Code.

Dieser Mini-Workshop wurde bereits in meinen Praxisräumlichkeiten durchgeführt und kann neu auf Anfrage an deinem Ort der Wahl durchgeführt werden.

Wir dürfen Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen

In der psychologischen Beratung oder im Elterncoaching begegne ich Menschen, die mir von Erfahrungen berichten, welche mit einem „Gefühl“ der Hilflosigkeit oder Ohnmacht einhergehen. Hier handelt es sich um ein sekundäres Gefühl. 

Ein sekundäres Gefühl ist ein Gefühl, das als Reaktion auf ein anderes, darunterliegendes primäres Gefühl entsteht. Während primäre Gefühle oft unmittelbare und spontane Reaktionen auf ein Ereignis oder eine Erfahrung sind (wie Angst, Trauer, Schmerz oder Freude), entstehen sekundäre Gefühle aus der Bewertung oder Interpretation dieser Grundemotion.  Sie sind also eine „zweite Schicht“ der emotionalen Reaktion.

Beispielsweise könnte auf den primären Schmerz oder die Angst, die durch eine bestimmte Erfahrung ausgelöst wird, das sekundäre Gefühl von Hilflosigkeit, oder Ohnmacht folgen. Hilflosigkeit als sekundäres Gefühl kann auftreten, wenn jemand eine frühere Erfahrung der Ohnmacht oder Verletzlichkeit unbewusst erinnert und daraus das Bedürfnis entwickelt, Kontrolle zu behalten, um solche Gefühle in Zukunft zu vermeiden.

Dieses Gefühl hat oft seinen Ursprung in der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung von unguten Erfahrungen oder Erlebnissen in der Kindheit. In diesen Momenten fühlte man sich vielleicht allein gelassen, unverstanden, übergangen oder verletzt – oder es gab das schmerzliche Gefühl, nicht gesehen oder ernst genommen zu werden. So wird also ein Gefühl mit einem bestimmten Ereignis verknüpft und abgespeichert.  Solche Erlebnisse prägen unser emotionales Gedächtnis, auch wenn wir sie möglicherweise nicht bewusst erinnern.

Kinder lösen mit ihrem Verhalten in uns starke Gefühle aus – sie sind aber nicht die Ursache.

Wenn Erwachsene heute auf das Verhalten von Kindern treffen, das ihnen Schwierigkeiten bereitet – etwa wenn ein Kind Anforderungen nicht erfüllt, nicht zuhört oder sich verweigert – kann dies unbewusst alte Gefühle aus der eigenen Kindheit aktivieren. Solche kindlichen Verhaltensweisen stellen oft eine Herausforderung dar, vor allem, wenn wir sie missverstehen und fehlinterpretieren. 

Sie erinnern uns unbewusst an die Ohnmacht oder Hilflosigkeit, die wir selbst in ähnlichen Momenten als Kinder gefühlt haben. So kann es dazu kommen, dass wir uns in der Gegenwart plötzlich wieder wie das verletzte oder hilflose Kind von damals fühlen, das nach Kontrolle sucht, um sich sicher und stabil zu erleben.

Pädagog*innen und Eltern bietet das Konzept der „Neuen Autorität“ eine scheinbare Lösung, um sich aus Momenten der Ohnmacht und Unsicherheit zu befreien. Wenn Kinder Verhaltensweisen zeigen, die wir als schwierig oder grenzüberschreitend erleben, fühlen wir uns oft hilflos und verlieren das Gefühl, die Situation im Griff zu haben. Das Konzept der Neuen Autorität vermittelt dann das Versprechen, durch gezielte Kontrollmechanismen und klare Strukturen die Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen und sich selbst wieder wirksam zu erleben.

Diese Schlussfolgerungen könnten zu einer Erklärung   beitragen, weshalb dass das Konzept der „Neuen Autorität“ in der Erziehung und Schule so  ansprechend wirkt.  Da es das Bedürfnis der Erwachsenen nach Kontrolle und Selbstwirksamkeit bedient. Es bietet eine Struktur, die uns darin unterstützt, uns stark und handlungsfähig zu fühlen, und vermittelt die Illusion, schwierige Situationen „im Griff“ zu haben. Allerdings geschieht dies oft zu Lasten der Kinder: Sie erleben dann vermehrt Autorität und Kontrolle, während ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse  unerkannt bleiben, welche das Verhalten motiviert haben. Ein ungünstiger transgenerationaler Kreislauf entsteht. Denn was zurückbleibt, ist das Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit. 

Deshalb ist es eine grundlegende Voraussetzung, sich der eigenen Bindungs- und Beziehungserfahrungen aus der Kindheit bewusst zu werden, insbesondere wenn wir im pädagogischen Kontext mit Kindern arbeiten. Es ist wichtig, die eigenen Gefühle zu erkennen, einzuordnen und zu reflektieren, um zu verstehen, wie sie unsere Reaktionen beeinflussen. Nur durch diese Selbstreflexion können wir vermeiden, unbewusste Muster und alte Verletzungen auf das Kind zu übertragen. 

In diesem Workshop geht es genau um diese unbewussten Prozesse:

Workshop: Emotionale Selbstwahrnehmung stärken um bewusster im pädagogischen Alltag agieren zu können

Beschreibung
Dieser Workshop richtet sich an pädagogische Fachkräfte, die lernen möchten, eigene emotionale Auslöser besser zu verstehen und ihre Reaktionen auf das Verhalten der Kinder bewusst wahrzunehmen und zu regulieren. Gerade in der Arbeit mit Kindern zeigen sich oft starke Gefühle – nicht, weil das Kind Ursache für diese Emotionen ist, sondern weil es unbewusste, biografisch geprägte Emotionen in uns anstößt. Ziel des Workshops ist es, diese inneren Prozesse bewusst zu reflektieren, die eigenen Gefühle von denen des Kindes zu unterscheiden und zu lernen, wie wir als Fachkräfte selbst reguliert und in einer stabilen emotionalen Verbindung bleiben können. Dies ermöglicht uns, die Kinder durch Co-Regulation empathisch zu begleiten und ihnen ein sicheres Umfeld zu bieten.

Ziele des Workshops

  • Verständnis eigener emotionaler Auslöser und deren biografischer Wurzeln
  • Differenzierung zwischen eigenen Gefühlen und denen des Kindes
  • Methoden der Selbstregulation, um in stressigen Momenten verbunden zu bleiben
  • Praktische Ansätze zur empathischen Begleitung und Co-Regulation von Kindern

Zielgruppe
Pädagogische Fachkräfte in Schulen, Kindertagesstätten, Horten und anderen Bildungseinrichtungen, die ihre Selbstwahrnehmung stärken und ihre Fähigkeit zur Co-Regulation von Kindern vertiefen möchten.

Die verhaltensorientierte Pädagogik und die Notwendigkeit traumapädagogischer Konzepte als Standard

Die Anwendung verhaltensorientierter pädagogischer Interventionen in Schulen, pädagogischen Einrichtungen und Kinder- und Jugendpsychiatrien hat in vielen Fällen unerwünschte Konsequenzen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gezeigt. Trotz der langjährigen Etablierung dieses Ansatzes wird zunehmend deutlich, dass er emotionale Bedürfnisse oft unzureichend berücksichtigt und den Schwerpunkt zu sehr auf Verhaltensanpassung legt. Ohne ein tiefes Verständnis für die zugrunde liegenden Ursachen von Verhaltensweisen bleiben pädagogische Maßnahmen häufig wirkungslos. In vielen Fällen können sie sogar zu einer Verschlimmerung führen, wenn Kinder und Jugendliche sich in ihrer Not missverstanden fühlen.

Oft resultieren solche Interventionen in Ausschlüssen, Beziehungsabbrüchen und sogar Re-traumatisierungen. Anstatt den emotionalen Bedürfnissen der jungen Menschen gerecht zu werden, bleiben diese ignoriert, während sich die Verhaltensprobleme verschärfen.

Verhaltensorientierte Pädagogik: Anpassung statt Verstehen

Verhaltensorientierte Ansätze gehen davon aus, dass unerwünschtes Verhalten durch Belohnungen und Bestrafungen kontrolliert werden kann. Diese Verfahrensweise beinhaltet in der Regel Methoden des operanten Konditionierens und den Einsatz von Token-Systemen oder Bestrafung mittels Konsequenzen. Dabei wird jedoch übersehen, dass auffälliges Verhalten häufig tiefere emotionale und psychische Ursachen hat. Aggressives oder scheinbar unkooperatives Verhalten ist in solchen Fällen weniger als Opposition zu sehen, die es gilt «abzutrainieren» , sondern eine Reaktion auf innere Spannungen oder Ängste und einem unerfüllten emotionalen Bedürfnis. Das Verhalten ist jeweils Ausdruck und Antwort auf die aktuelle oder eine vergangene Lebenssituation.  

Die bloße Fokussierung auf Verhaltensänderungen, ohne die Ursachen zu betrachten, führt nicht nur dazu, dass das Kind sich unverstanden fühlt, sondern kann das Problem sogar verschärfen. Indem das Verhalten isoliert betrachtet wird, bleibt die dahinterliegende Not unsichtbar, und der junge Mensch erlebt möglicherweise noch mehr Frustration und Ablehnung.

Der Kreislauf der Retraumatisierung

Ein wesentlicher Nachteil verhaltensorientierter Ansätze ist, dass Kinder und Jugendliche, die bereits belastende Erfahrungen gemacht haben, oft wieder in eine Situation emotionaler Unsicherheit geraten. Ausschlüsse aus Schulen oder Einrichtungen verstärken das Gefühl, abgelehnt zu werden. Dies kann als Bestätigung negativer Selbstwahrnehmungen wirken und bereits vorhandene Wunden weiter vertiefen.

Eltern sind in solchen Situationen oft ratlos, da sie sich mit einer zunehmenden Stigmatisierung ihres Kindes konfrontiert sehen, ohne dass ihnen hilfreiche Alternativen aufgezeigt werden. In einigen Fällen gar, ihre vermeintlich unzureichende Erziehungskompetenz dafür verantwortlich gemacht wird. 

Die Notwendigkeit traumapädagogischer Konzepte

Es wird immer deutlicher, dass traumapädagogische Ansätze in Schulen und pädagogischen Einrichtungen stärker in den Fokus rücken müssen. Traumapädagogik erkennt, dass auffälliges Verhalten häufig Ausdruck tiefer Not und Überforderung ist. Statt sich nur auf die Verhaltensanpassung zu konzentrieren, wird das Verhalten als Überlebensstrategie verstanden. Wenn Kinder und Jugendliche in ihren Bewältigungsstrategien nicht verstanden werden, sind pädagogische Massnahmen nutzlos und können zu krisenhaften Situationen führen. 

Ein zentrales Element der Traumapädagogik ist unter anderem die Beziehungsarbeit. Kinder und Jugendliche brauchen stabile und verlässliche Bezugspersonen, einen sicheren Raum, in dem junge Menschen lernen können, ihre Emotionen zu regulieren und Vertrauen aufzubauen. Sanktionen und Belohnungen weichen einem Verständnis, das die Akzeptanz der ganzen Person – mit all ihren Gefühlen – in den Vordergrund stellt. Traumapädagogik zielt darauf ab, Kinder und Jugendlichen in ihrem Verhalten zu verstehen, es als sinnhaft zu erkennen, die dahinterliegenden Gefühle, welche das Verhalten motivieren zu ergründen und das eigentliche Bedürfnis, welches nach Erfüllung sucht, zu beantworten.  

Fazit: Traumapädagogik als Standard etablieren

Um den Kreislauf von Verhaltensauffälligkeiten und Retraumatisierungen zu durchbrechen, ist ein Paradigmenwechsel erforderlich. Traumapädagogische Ansätze müssen zum Standard in Schulen und pädagogischen Einrichtungen werden. Es ist an der Zeit, die verhaltensorientierte Pädagogik zu hinterfragen und neueste Erkenntnisse der Säuglingsforschung, Entwicklungspsychologie und der Psychotherapieforschung zu berücksichtigen.

Kinder und das Austesten von Grenzen: Mehr als nur Regelverstöße

Wenn wir darüber sprechen, dass Kinder „Grenzen testen“, wird oft angenommen, dass sie einfach nur herausfinden möchten, was erlaubt ist und was nicht. Es geht dabei jedoch um viel mehr. Kinder sind in erster Linie daran interessiert, ob sie unabhängig von ihrem Verhalten weiterhin gesehen, ernst genommen und geliebt werden.

Der Unterschied zwischen „Grenzen testen“ und der Suche nach Verbindung

Wenn ein Kind die ihm gesetzten Regeln infrage stellt, kann dies auf den ersten Blick wie eine Provokation wirken. Doch hinter diesem Verhalten steckt häufig ein tieferes Bedürfnis. Kinder suchen nicht nur nach dem Rahmen dessen, was sie dürfen oder nicht dürfen – sie wollen wissen, ob ihre Bezugspersonen auch dann bei ihnen bleiben, wenn sie gegen diese Grenzen verstoßen.

Es geht um das Bedürfnis, trotz Regelverstößen emotional angenommen zu werden, ein Zeichen für die Suche nach Sicherheit und Zugehörigkeit. Kinder brauchen die Gewissheit, dass ihre Beziehung zu den Erwachsenen stabil ist, auch wenn sie unerwünschtes Verhalten zeigen oder Regeln missachten.

Was suchen Kinder wirklich?

  • Sicherheit: Kinder wollen sicher sein, dass ihre Beziehung zu ihren Eltern oder Erzieher*innen auch dann intakt bleibt, wenn sie unerwünschtes Verhalten zeigen.
  • Akzeptanz: Sie möchten spüren, dass sie als Person wertgeschätzt werden, unabhängig von ihrem Verhalten.
  • Bedingungslose Liebe: Kinder möchten wissen, dass sie geliebt werden – nicht nur, wenn sie sich gut benehmen, sondern auch in schwierigen Momenten.

Was passiert, wenn Grenzen ausschließlich als Regelbruch betrachtet werden?

Wenn wir das Verhalten eines Kindes nur als „Grenzen testen“ im Sinne von Regelverletzungen interpretieren, riskieren wir, das eigentliche emotionale Bedürfnis zu übersehen. Strafen oder negative Konsequenzen könnten dann zwar kurzfristig das Verhalten ändern, doch das Kind erhält nicht die emotionale Bestätigung, die es eigentlich sucht. Es könnte das Gefühl entwickeln, dass Liebe oder Zuneigung an Bedingungen geknüpft sind – etwa daran, sich „richtig“ zu verhalten.

Die Bedeutung bedingungsloser Annahme

Stattdessen sollte unser Fokus darauf liegen, dem Kind zu zeigen, dass es bedingungslos angenommen wird. Dies bedeutet nicht, dass Grenzen und Regeln aufgehoben werden, sondern dass die Beziehung zum Kind auch dann stabil bleibt, wenn Regeln gebrochen werden. Klare und konsequente Grenzen sind wichtig, aber sie sollten immer mit emotionaler Sicherheit und Liebe kombiniert werden. So lernt das Kind, dass es Fehler machen darf und trotzdem wertgeschätzt und geliebt wird.

Fazit

Kinder testen Grenzen nicht nur, um zu sehen, wie weit sie gehen können. Sie wollen vor allem sicherstellen, dass sie auch in schwierigen Momenten gesehen und geliebt werden. Es ist unsere Aufgabe, ihnen diese Bestätigung zu geben, während wir gleichzeitig die nötigen Strukturen und Regeln aufrechterhalten. Indem wir ihre emotionale Sicherheit betonen, helfen wir ihnen, ein gesundes Selbstwertgefühl und stabile soziale Beziehungen aufzubauen.

Umgang mit Regelverstößen im erzieherischen Kontext: Ein kritischer Blick

In der Erziehung wird häufig das Prinzip der Konsequenz betont, wenn es um das Einhalten von Regeln geht. Viele Erzieher*innen und Eltern sind der Meinung, dass Verstöße gegen Regeln klare Konsequenzen haben müssen, um das Verhalten des Kindes zu korrigieren. Typische Ansätze sind das Durchsetzen von Strafen, das Verwenden von Belohnungs- oder Punktesystemen oder schlichtweg das strikte Beharren darauf, dass nichtbefolgen von Regeln „nicht durchgelassen“ werden dürfen.

Wie wird normalerweise reagiert?

  1. Konsequenz und Strafen: 
Wenn ein Kind eine Regel bricht, wird oft darauf bestanden, dass Konsequenzen folgen. Dies können Strafen wie der Entzug von Privilegien oder „Time-outs“ sein. Der Gedanke dahinter ist, dass das Kind durch negative Konsequenzen lernt, sich regelkonform zu verhalten.
  2. Belohnungs- und Punktesysteme:
 Ein anderes verbreitetes Modell ist der Einsatz von Belohnungssystemen. Kinder erhalten Punkte oder Belohnungen für regelkonformes Verhalten und verlieren diese, wenn sie gegen die Regeln verstoßen. Dieses System soll das gewünschte Verhalten verstärken, indem es eine extrinsische Motivation (Belohnung) schafft.
  3. Nicht nachgeben:
 Der Leitsatz „man darf das nicht durchlassen“ spielt eine zentrale Rolle. Viele Erzieher*innen und Eltern befürchten, dass inkonsequentes Verhalten dazu führt, dass das Kind die Grenzen immer weiter austestet und die Regeln gänzlich ignoriert.

Potenzielle negative Auswirkungen dieser Ansätze:

  1. Anpassung statt Einsicht:
 Diese Ansätze führen oft dazu, dass sich das Kind äußerlich anpasst, um Strafen zu vermeiden oder Belohnungen zu erhalten. Es lernt jedoch nicht zwangsläufig, warum bestimmte Regeln sinnvoll sind oder wie es seine eigentlichen Bedürfnisse anders ausdrücken kann. Stattdessen wird die Motivation des Kindes auf externen Druck umgeleitet, wodurch ein tieferes Verständnis für das eigene Verhalten und seine Folgen ausbleibt.
  2. Verstärkung des Verhaltens:
 Wenn ein Kind primär auf Konsequenzen und Belohnungen reagiert, bleibt das tiefere emotionale Bedürfnis oft unerfüllt. Das führt dazu, dass das ursprüngliche Verhalten weiter besteht oder sich sogar verstärkt, weil das Kind keine andere Möglichkeit sieht, seine inneren Gefühle auszudrücken. Es entwickelt sich möglicherweise ein Kreislauf, in dem das Kind immer wieder gegen Regeln verstößt, da seine Bedürfnisse nach Anerkennung, Sicherheit oder Verbindung nicht befriedigt werden.
  3. Machtkämpfe und Frustration:
 Kinder, die immer wieder auf Regeln und Strafen stoßen, können sich in Machtkämpfe verstricken. Dies führt häufig zu Frustration auf beiden Seiten. Das Kind kann sich missverstanden oder ungeliebt fühlen, was die Beziehung zu den Erziehenden belastet. Auch das Selbstwertgefühl des Kindes kann leiden, wenn es das Gefühl hat, nur dann anerkannt zu werden, wenn es sich „korrekt“ verhält.
  4. Bedingte Zuneigung: 
Belohnungssysteme vermitteln dem Kind, dass es Liebe oder Anerkennung verdienen muss, indem es sich an bestimmte Regeln hält. Dies kann langfristig zu einem Gefühl der bedingten Wertschätzung führen, bei dem das Kind glaubt, dass es nur dann geliebt wird, wenn es den Erwartungen entspricht. Dieses Gefühl kann sich auch ins Erwachsenenleben übertragen und zu einem Streben nach Perfektionismus oder übermäßiger Anpassung führen.

Der eigentliche Bedarf: Emotionale Bedürfnisse und bedingungslose Annahme

Hinter Regelverstößen steht oft ein tieferes emotionales Bedürfnis des Kindes, das durch Konsequenzen oder Belohnungen nicht gestillt wird. Statt das Verhalten nur oberflächlich zu korrigieren, sollten Erziehende versuchen, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu erkennen. Es geht darum, dem Kind zu vermitteln, dass es trotz Regelverstößen weiterhin gesehen, ernst genommen und geliebt wird.

  • Stärkung der Beziehung: Regelverstöße sind oft ein Signal, dass das Kind nach Verbindung und Zuwendung sucht. Hier hilft es, in Beziehung zu treten und dem Kind zu zeigen, dass es auch in herausfordernden Momenten emotional sicher ist.
  • Emotionale Sicherheit bieten: Anstatt nur das Verhalten zu korrigieren, sollte dem Kind die Möglichkeit gegeben werden, seine Emotionen auszudrücken und zu lernen, wie es auf gesunde Weise mit Frustration, Ärger oder anderen intensiven Gefühlen umgeht.
  • Sich selber in seinen Grenzen zeigen, anstelle Grenzen setzen: Anstelle dem Kind durch Massnahmen Grenzen zu vermitteln, welche auf Macht und Kontrolle basieren, kann ich mich in meinen eigenen Grenzen zeigen. Indem ich authentisch meine Bedürfnisse und Gefühle zum Ausdruck bringe. 

Statt zu sagen: “Du musst jetzt aufhören laut zu sein, sonst gehst du ins Zimmer!“, könntest du sagen: „Mir ist es gerade zu laut, und ich fühle mich unwohl. Ich brauche jetzt etwas Ruhe.“ 

Durch das Kommunizieren von eigenen Bedürfnissen, lernt das Kind, dass auch du als Erwachsener persönliche Grenzen hast.

Und immer wieder die Frage: „was will mir das Kind mit seinem Verhalten zeigen? Um welches ungestillte Bedürfnis könnte es gehen?“

Was fühlt jemand, der laut sein muss!?

Angst, Trauer, Schmerz, Wut?

„Ich fühle mich nicht zugehörig, ich suche nach Verbindung„.

„Wie wertvoll bin ich für dich? Ich suche nach Sicherheit.“

„Ich musste schon zulange kooperieren, ich suche nach Autonomie.“

Fazit:

Der herkömmliche, konsequente Umgang mit Regelverstößen im Erziehungsalltag – sei es durch Strafen oder Belohnungen – führt oft dazu, dass sich Kinder anpassen, ohne das eigentliche Bedürfnis hinter ihrem Verhalten ausdrücken zu können. Dies kann langfristig problematisch sein, weil emotionale Bedürfnisse wie das Streben nach Sicherheit, Anerkennung und bedingungsloser Zuneigung unerfüllt bleiben. Stattdessen sollten Erziehende versuchen, das Verhalten des Kindes als Ausdruck eines tieferliegenden Bedürfnisses zu sehen und auf eine Weise reagieren, die sowohl klare eigene Grenzen als auch emotionale Verbundenheit bietet.

Risiken verhaltensorientierter Pädagogik

Herausforderungen für diagnostizierte neurodivergente Kinder und die allgegenwärtige, aber unsichtbare Neurodiversität aller Kinder.

Verhaltensorientierte Pädagogik, auch bekannt als Behaviorismus, scheint in vielen Bildungseinrichtungen und therapeutischen Kontexten immer noch weit verbreitet zu sein. Diese Ansätze basieren auf der Idee, dass Verhalten durch Belohnung und Bestrafung, gesteuert und in ein von uns gewünschtes Verhalten gelenkt werden kann. Während diese Methoden in bestimmten Fällen kurzfristige Erfolge zeigen können, bergen sie insbesondere bei (neurodivergenten) Kindern erhebliche Risiken und Gefahren. Neurodivergenz umfasst eine Vielzahl von neurologischen Entwicklungsvarianten, darunter Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), sowie das weniger bekannte Pathological Demand Avoidance (PDA).

Die Fallstricke verhaltensorientierter Maßnahmen

Verhaltensorientierte Ansätze wie Token-Systeme, Belohnungssysteme und Konsequenzen basieren auf der Vorstellung, dass unerwünschtes Verhalten reduziert und erwünschtes Verhalten verstärkt werden kann. Diese Methoden vernachlässigen jedoch die zugrunde liegenden Ursachen für das Verhalten. Sie missachtet grundlegende Erkenntnisse über die Entstehung von Verhalten. Dieses wird durch ein Gefühl motiviert und dient schlussendlich als eine Form der Überlebensstrategie – nämlich dem emotionalen Bedürfnis nach Sicherheit, Autonomie und Verbindung.

3. Die besondere Herausforderung von PDA

Pathological Demand Avoidance (PDA) ist ein Profil innerhalb des Autismusspektrums, welches sich durch ein extrem ausgeprägtes Vermeidungsverhalten gegenüber Anforderungen auszeichnet. Kinder mit PDA haben ein ausgeprägtes Autonomiebedürfnis und reagieren bei Verlust mit Angst und Stress und intensiver körperlicher Reaktionen. Diese Reaktionen entstehen aus einem Gefühl der Überforderung und dem Wunsch nach Kontrolle. Verhaltensorientierte Maßnahmen, die auf Druck, Kontrolle und Belohnung oder Bestrafung basieren, können bei diesen Kindern fatale Folgen haben. Solche Maßnahmen führen häufig zu einer Eskalation der Vermeidung und zu verstärktem Widerstand. Die betroffenen Kinder fühlen sich in die Enge getrieben, gekränkt und reagieren mit noch intensiverer Verweigerung, und intensiven Gefühlsausbrüchen, was die Situation weiter verschärft.

Der Umgang mit neurodivergenten Kindern, insbesondere bei ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) und Pathological Demand Avoidance (PDA), erfordert differenzierte Ansätze. Was bei ADHS oder ASS hilfreich sein kann, wie etwa klare Regeln und starre Strukturen, kann bei PDA kontraproduktiv sein und sogar das Gegenteil bewirken. Dieses Dilemma stellt Lehrkräfte, Eltern und Therapeuten vor große Herausforderungen.

Starre Strukturen und Regeln: Warum sie bei PDA scheitern

Bei Kindern mit ADHS oder ASS können klare Regeln und Strukturen oft helfen, Orientierung und Sicherheit zu bieten. Diese Kinder profitieren von vorhersehbaren Abläufen, die ihnen helfen, ihre Reaktionen besser zu steuern und sich in der Welt zurechtzufinden. Im Gegensatz dazu können dieselben Methoden bei Kindern mit PDA zu erheblichen Problemen führen.

Kinder mit PDA haben eine tief verwurzelte Angst vor Forderungen und reagieren oft mit extremen Vermeidungsverhalten, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Regeln und starre Strukturen, die bei anderen Kindern stabilisierend wirken, können bei ihnen Panik auslösen und das Vermeidungsverhalten verschärfen. Dies führt oft zu einem Teufelskreis, in dem das Kind immer mehr Verhaltensweisen entwickelt, um den wahrgenommenen Druck zu entkommen, während die Erwachsenen immer mehr Regeln und Konsequenzen einsetzen, um das Verhalten in den Griff zu bekommen.

Das Dilemma lösen: Ein flexiblerer Ansatz für alle Kinder

Angesichts dieses Dilemmas ist es sinnvoll, die traditionelle, regel- und strukturorientierte Pädagogik zu überdenken – nicht nur für Kinder mit PDA, sondern für alle Kinder. Viele verhaltensorientierte Ansätze ignorieren emotionale Grundbedürfnisse und haben einen Anpassungscharakter.

Strategien:

  • Verzicht auf Strafen und Belohnungssysteme 
  • Keine Konsequenzen durch Autorität
  • Ansätze die Angst reduzieren und ein Gefühl von Kontrolle vermitteln
  • Regeln minimieren
  • Räume für Flexibilität und Autonomie schaffen
  • Sicherheit schaffen

Fazit: Ein Paradigmenwechsel ist notwendig

In einer Welt, die zunehmend die Bedeutung von Inklusion und Akzeptanz erkennt, ist es an der Zeit, die veralteten, verhaltensorientierten Ansätze hinter uns zu lassen. Besonders bei (neurodivergenten) Kindern sind diese Methoden nicht nur ineffektiv, sondern potenziell schädlich.

Indem wir alle Kinder als neurodivers betrachten und auf strafende, belohnende und autoritäre Maßnahmen verzichten, schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sicher sind, keine Gefühle unterdrücken müssen, sich und ihre Bedürfnisse und Grenzen kennenlernen dürfen, sich selbstwirksam fühlen. Somit haben hoffentlich Gefühle der Ohnmacht und des Alleinseins keinen Platz mehr.