7 Missverständnisse in der Erziehung – oder wie sich unsere Erziehungsziele erreichen lassen

Nr. 6 Wutanfälle – Wie fördern wir die emotionale Entwicklung

Wut und Aggressionen sind nichts Schlimmes oder Schlechtes. Es sind Gefühle, welche in unserer Gesellschaft nicht so viel Raum gegeben wird und ungern gesehen sind. Es ist ein Ausdruck, ein Signal wie es uns geht. Vielleicht eine Enttäuschung, wenn ich was nicht bekomme oder mir etwas nicht gelingt. Wut und Aggressionen werden oft mit Gewalt in Verbindung gebracht. 

Deshalb liegt da das Missverständnis. Eltern befürchten, wenn sie die Wutanfälle ihrer Kinder tolerieren, werden sie später einmal Schwierigkeiten haben, sich in gewissen Situationen zu regulieren. Oder aber, sie haben den Eindruck, dass ihre Kinder Wutanfälle gezielt einsetzen um etwas zu erhalten. In vielen Erziehungsratgebern oder verhaltenspädagogischen Elterntrainings, wird auch gerne von der sogenannten «Trotzphase» gesprochen. Diese suggeriert, dass das Trotzen von Kindern bewusst eingesetzt wird um etwas zu erreichen und es wird geraten, dies auf keinen Fall zu tolerieren. 

Doch heute weiss man, was hinter dem sogenannten «Trotz» steckt. Es handelt sich um die Autonomiephase. Diese beginnt ab ca. Anfang/Mitte des 2. Lebensjahres und dauert bis zum 4. Lebensjahr oder auch länger. In dieser Zeit befinden sich Kinder in der emotionalen Entwicklung. Es ist ein wichtiger Schritt in Richtung Ablösung, mit dem Ziel sich Selbstwirksam zu erleben.Diese Selbstwirksamkeitserfahrung erleben Eltern oft als Widerstand, weil das Kind genau das Gegenteil macht, was wir von ihm erwarten. In dieser Phase brauchen Kinder besondere Unterstützung.

Altersbedingt sind sie nämlich kognitiv noch nicht in der Lage, auf ein bestimmtes Ereignis mit Handlungsalternativen zu reagieren. Zum Beispiel, weil die Eltern jetzt diese Süssigkeit gerade nicht kaufen wollen. Sie können nicht spontan umdenken oder um planen und sind stark auf Dinge oder Begebenheiten fokussiert. Deshalb ist es nicht sinnvoll oder förderlich, Kinder in ihrem Wutanfall mit schimpfen, Zurechtweisungen oder gut gemeinter Erklärungen zu begegnen. Sie sind schlicht weg kognitiv nicht erreichbar und befinden sich in einer gefühlten Notlage. Sie werden regelrecht mit Gefühlen überflutet, sind frustriert, emotional überfordert und finden keine Worte für diesen Zustand. Sie fühlen sich hilflos, da sie nicht begreifen, was da gerade mit ihnen passiert. Lassen wir sie an dieser Stelle alleine mit dem Gefühl, erhält das Kind die Botschaft: 

  • Ich lehne Dich und Dein Gefühl ab

Was das Kind fühlt:

  • Ich bin nicht okay so wie ich bin 
  • Meine Gefühle sind nicht okay

Unsere Botschaft: 

  • Ich lasse dich mit deinem Gefühl alleine

Was das Kind fühlt:

  • Ich bin hilflos
  • Ich werde nicht gesehen, gehört

Schlimmstenfalls, lernen Kinder so, dass sie meinen, sie müssen nun ihre Gefühle unterdrücken, damit sie geliebt werden. Hirnbiologisch kann dies schwerwiegende Folgen haben wie in einer Studie festgestellt. 

https://www.nzz.ch/wissenschaft/aggressive-maedchen-zeigen-veraenderte-hirnaktivitaet-ld.1484890

Mein Kommentar dazu:

Dass bestimmte Hirnregionen weniger Vernetzung aufweisen, welche für die Regulierung von Emotionen zuständig sind und sich veränderte Hirnaktivität zeigt, lässt sich darauf zurückführen und begründen, dass die emotionale Entwicklung in der frühen Kindheit nicht achtsam begleitet wurde. Denn; auf Gefühle wie Wut, Aggression, Trauer, Enttäuschung wird just in dieser sensiblen Phase oft nicht entwicklungsgerecht reagiert. Wutanfälle im Kleinkindesalter werden bereits pathologisiert. 

Es wird «erzogen» im Sinne verhaltenspädagogischer Annahmen und dem Ziel dieses Verhalten zu massregeln und zu unterbinden. Dies hat zur Folge, dass Kinder diese Gefühle unterdrücken und nicht lernen können, diese durch die elterliche Unterstützung zu regulieren. Es kann also folglich keine kognitive Vernetzung und Entwicklung auf neuronalen Pfaden stattfinden. Auch sozial auffälliges Verhalten bei Jugendlichen, sind immer ein Ausdruck und Hinweis auf innere seelische Zustände. Je mehr wir dieses Verhalten sanktionieren und das unerfüllte oder missachtete Grundbedürfnis dahinter nicht erkennen, müssen Kinder «auffällig» werden um auf diese innere Schieflage aufmerksam zu machen! 

Was können wir tun?

In erster Linie geht es gar nicht darum, den Wutanfall so schnell wie möglich zu beenden, sondern die emotionale Entwicklung ihres Kindes zu begleiten. Nicht das Verhalten des Kindes im Vordergrund sehen, sondern die Gefühle spiegeln, das heisst, dass Sie sie benennen und Worte für das finden, was ihr Kind noch nicht ausdrücken kann! Verständnis für das Gefühl, welches beim Kind spürbar wird entwickeln und nicht das kindliche Verhalten sanktionieren und abwerten, bewerten oder es mit Macht abstellen.

  • Nehmen Sie das Gefühl ihres Kindes wahr
  • Erkennen Sie das Gefühl, welches hinter der Wut steckt und
  • benennen Sie das Gefühl: «Ich kann sehen, dass du dich ärgerst, verzweifelt, enttäuscht bist» 
  • Authentisch und einfühlsam in Kontakt zum Kind bleiben und das Kind nicht mit dem Gefühl alleine lassen.

So erhält das Kind folgende Botschaft von Ihnen:

  • Ich sehe dich mit deinem Gefühl und nehme es wahr
  • Du bist gesehen mit deinem Gefühl und es ist okay
  • Ich nehme dich an mit deinem Gefühl, deiner Ohnmacht und deiner Hilflosigkeit
  • Du kannst dich auf mich verlassen, du bist nicht alleine

Lassen Sie sich nicht beirren. Stehen Sie zu ihrem Kind. Auch in Situationen in der Öffentlichkeit, bei welchen Zuschauende während des Wutanfalles mit mitleidigen Blicken oder mit nicht hilfreichen Kommentaren zur Stelle sind. Vertrauen Sie ihrem Gefühl, auch wenn Ratgeber oder verhaltenspädagogische Elterntrainings dazu aufrufen, Wutanfälle auf keinen Fall durchzulassen und eine Konsequenz folgen zu lassen.  Sie schaden nicht nur in der Eltern-Kind-Beziehung, sondern können traumatische Spuren bis ins Erwachsenenalter hinterlassen. 

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