Werte, Lügen und Vertrauen – Wie Kinder Werte entwickeln und warum Beziehung dabei entscheidend ist

Lisa Werthmüller

Lisa Werthmüller

Dipl. Psychologische Beraterin – traumasensible Familienbegleitung. Für eine kindgerechte Entwicklung – damit Kinder und Jugendliche emotional satt sind und in der Folge im Erwachsenenalter psychisch gesund.

4. Juni 2025 auf LinkedIn

Wenn Kinder lügen, etwas verheimlichen oder sich nicht an Abmachungen halten, löst das bei uns Erwachsenen oft starke Reaktionen aus. Unser Wertegerüst – geprägt von Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Verantwortung – wird aktiviert. Begriffe wie „Lügen“ oder „Stehlen“ haben für uns eine moralisch und gesellschaftlich grosse Bedeutung.

Schnell neigen wir dazu, zu strafen, Kontrolle auszuüben oder auf rigide Erziehungsmuster zurückzugreifen. Doch die kindliche Perspektive auf solche Situationen unterscheidet sich grundlegend von der unseren – sowohl kognitiv als auch emotional.

Die Fähigkeit, Wahrheit von Unwahrheit bewusst zu unterscheiden und moralisch zu bewerten, entwickelt sich über viele Jahre. Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren sind dazu noch gar nicht in der Lage. Ihr Denken ist stark von Fantasie, magischem Denken und inneren Bildern geprägt. Ihre Aussagen sind oft kein Versuch zu täuschen, sondern ein Ausdruck von innerem Erleben, Wunschdenken oder dem Versuch, Unverstandenes zu erklären.

Erst ab etwa sechs Jahren beginnt sich die Fähigkeit zur Perspektivübernahme zu entwickeln. In dieser Zeit entsteht nach und nach ein moralisches Verständnis dafür, was eine Lüge ist und was sie für andere bedeutet. Auch Empathie wächst mit – ebenso wie die Fähigkeit, Absichten zu reflektieren. Das heisst; Erst im Grundschulalter beginnen Kinder überhaupt, bewusster zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden – und das ist ein Prozess, der sich bis ins Jugendalter hinein fortsetzt.

Wenn ein Kind lügt, steckt selten Absicht oder böser Wille dahinter. Viel häufiger ist es ein Schutzmechanismus: aus Angst vor Strafe, vor dem Verlust von Anerkennung oder vor Enttäuschung der Bezugsperson. Es ist eine Reaktion auf ein inneres Ungleichgewicht – nicht ein gezielter Akt gegen uns Erwachsene. Dennoch erleben wir Lügen oft als Vertrauensbruch und reagieren verletzt oder ärgerlich. Doch genau diese Reaktion kann das Problem verstärken: Kinder, die die Erfahrung machen, dass Fehler oder unangenehme Wahrheiten mit Strafe oder einer Konsequenz beantwortet werden, lernen, die Wahrheit zu vermeiden. Nicht, weil sie nicht ehrlich sein wollen – sondern weil sie nicht gelernt haben, dass Konflikte mit Erwachsenen sicher und wertschätzend geklärt werden können.

Wenn wir als Eltern oder Fachpersonen eine ehrliche Beziehung zu unseren Kindern aufbauen wollen, sollten wir den Blick weniger auf das Verhalten als vielmehr auf „was steckt dahinter?“ richten. Warum konnte das Kind nicht offen sprechen? Hatte es Angst? Fühlte es sich überfordert? Gab es bereits Erfahrungen, in denen die Wahrheit zu negativen Konsequenzen führte? Hat es das Gefühl, in der Familie keine Mitbestimmung oder keine echte Lösungskompetenz zu erleben?

Gleichzeitig lohnt es sich, die eigene Haltung zu hinterfragen: Wie gestalte ich die Beziehung zu meinem Kind? Gibt es Raum für Offenheit? Kann mein Kind sicher sein, dass wir gemeinsam Lösungen suchen – auch bei Fehlern?

Diese Fragen werden auch bei alltäglichen Situationen relevant, etwa wenn ein Kind wiederholt zu spät vom Spielplatz kommt. Schnell entsteht dann der Eindruck: „Ich kann dir nicht mehr vertrauen.“ Daraus folgen oft Einschränkungen oder Verbote – dabei liegt das „Problem“ häufig einfach darin, dass Kinder in diesem Alter noch kein verlässliches Zeitgefühl haben. Sie sind im Spiel versunken, im Moment, und ihnen fehlt schlicht die Fähigkeit zur Selbstregulation in Bezug auf Zeit.

Statt Belehrung oder Vorwürfe braucht es hier liebevolle Begleitung, Erprobung und Wiederholung – sowie kindgerechte Unterstützungen wie z. B. Erinnerungen, flexible Zeitfenster oder verlässliche Übergangsrituale. Ziel ist nicht Kontrolle, sondern der Aufbau von Eigenverantwortung – in einem Rahmen, der zum Entwicklungsstand des Kindes passt.

In einer Zeit, in der Kinder mit zunehmendem Alter ihre Orientierung immer stärker nach aussen verlagern – hin zu Freund:innen, Schule und Gesellschaft – wird eine stabile, vertrauensvolle Bindung umso wichtiger. Diese entsteht nicht durch Druck oder moralische Appelle, sondern durch viele kleine Momente von Vertrauen, Annahme und begleitender Beziehung.

Eine nachhaltige Wertebildung bei Kindern entsteht durch das Erleben dieser Werte in Beziehung zu unseren Kindern und die Fähigkeit, Entwicklungsprozesse geduldig zu begleiten.

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