Lisa Werthmüller
Dipl. Psychologische Beraterin – traumasensible Familienbegleitung. Für eine kindgerechte Entwicklung – damit Kinder und Jugendliche emotional satt sind und in der Folge im Erwachsenenalter psychisch gesund.
17. Mai 2025 auf LinkedIn
Eltern zu sein bedeutet weit mehr, als nur den Alltag zu bewältigen und für die Kinder da zu sein. Es bedeutet auch, sich selbst immer wieder neu kennenzulernen – in der Beziehung, im Spagat zwischen eigenen Bedürfnissen und denen des Kindes, in Momenten der Unsicherheit oder inneren Überforderung.
Viele Mütter und Väter tragen einen hohen Anspruch in sich: präsent, geduldig, stark und liebevoll zu sein – jederzeit. Doch in der Realität geraten wir oft an unsere Grenzen. Und genau dort beginnt ein Raum, den es zu betrachten lohnt:
Was passiert in mir, wenn ich mich als Mutter oder Vater überfordert fühle? Wie reagiere ich, wenn das Verhalten meines Kindes etwas in mir auslöst? Und wie kann ich aus dieser inneren Spannung wieder zurückfinden – in Verbindung, in Handlungskraft, in Balance?
In der elterlichen Begleitung treffe ich häufig auf Mütter und Väter, die mit grossem Engagement und Verantwortungsgefühl ihren Familienalltag gestalten – und gleichzeitig mit einem inneren Druck ringen, nicht zu genügen. Nicht selten zeigt sich dieser Druck in Fragen wie:
„Was mache ich falsch?“ „Warum reagiere ich so empfindlich?“ „Wieso funktioniert das bei anderen scheinbar besser?“
Die Vorstellung, im Alltag „funktionieren“ zu müssen, führt oft dazu, dass schnelle Lösungen gesucht werden – insbesondere in akuten Belastungssituationen. In klassischen Erziehungsberatungen stehen daher häufig konkrete Handlungsstrategien im Mittelpunkt: Was kann ich tun, wenn mein Kind trotzt, aggressiv ist oder sich zurückzieht?
Diese Ebene ist zweifellos wichtig. Und doch greift sie aus meiner Sicht oft zu kurz – insbesondere dann, wenn Eltern sich selbst dabei aus dem Blick verlieren.
Elternsein ist mehrdimensional
Als Eltern sind Sie nicht nur erziehende Instanz, sondern ein ganzer Mensch – mit Gedanken, Prägungen, Gefühlen, einem Nervensystem und einem Körper, der auf Belastung reagiert.
Daher arbeite ich in meinen Beratungen bewusst ganzheitlich: Ich berücksichtige nicht nur das Verhalten des Kindes, sondern auch die innere Welt der Eltern, die körperliche Verfassung – Körpersymptome, emotionale Reaktionen und oft unbewusste Denkmuster.
Viele emotionale und körperliche Reaktionen im Alltag lassen sich erst verstehen, wenn wir sie im Zusammenhang mit der individuellen Lebensgeschichte betrachten. Gefühle wie Überforderung, Gereiztheit, Rückzug oder auch Schuld entstehen nicht „einfach so“ – sie sind meist Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels zwischen aktuellen Anforderungen, inneren Überzeugungen und oft älteren Erfahrungen.
Wahrnehmen statt vorschnell lösen
Bevor wir gemeinsam nach Lösungen suchen, ist es deshalb hilfreich, zunächst einmal innezuhalten und die Situation aus einer beobachtenden Perspektive zu betrachten:
🌿Was geschieht gerade – in meinem Denken, in meinem Körper, in meinem emotionalen Erleben?
🌿Was wiederholt sich möglicherweise immer wieder, ohne dass ich es beabsichtige?
🌿Welche meiner Reaktionen fühlen sich automatisch oder überstark an?
Diese Form der Selbstwahrnehmung eröffnet einen Zugang zu innerer Orientierung – sie hilft, das eigene Reaktionsmuster zu verstehen, bevor neue Handlungsoptionen entwickelt werden.
Denn: Nachhaltige Veränderung entsteht selten unter Druck. Sie beginnt dort, wo wir das, was ist, zunächst einmal ernst nehmen und würdigen.
Selbstregulation als Basis für elterliche Präsenz
Viele Eltern erleben im Alltag Momente, in denen sie sich „außer sich“ fühlen – innerlich angespannt, überreizt oder erschöpft. Diese Zustände haben weniger mit persönlichem Versagen zu tun als mit einem dysregulierten Nervensystem.
Erst wenn wir innerlich wieder zur Ruhe finden, werden wir handlungsfähig. In diesem Zustand können wir achtsam auf unser Kind eingehen, eigene Grenzen wahrnehmen und in Beziehung bleiben – auch in herausfordernden Momenten.
💡Deshalb steht am Anfang einer gelingenden elterlichen Begleitung häufig nicht die Frage „Was soll ich tun?“, sondern vielmehr:
Wie geht es mir gerade wirklich? Bin ich in Kontakt mit mir selbst? Was brauche ich, um innerlich stabil zu bleiben?
Drei hilfreiche Fragen zur Selbstwahrnehmung:
Wenn Sie sich in einer belastenden oder wiederkehrend schwierigen Situation mit Ihrem Kind befinden, können die folgenden Fragen eine erste Orientierung bieten:
🌿Was denke ich über mich in dieser Situation?
🌿Welche körperlichen Empfindungen nehme ich wahr?
🌿Welche Gefühle sind im Moment präsent – und wirken sie möglicherweise älter als der aktuelle Anlass?
Diese Fragen ersetzen keine Handlung, sie schaffen jedoch eine wertvolle Grundlage: Verbindung mit sich selbst. Und aus dieser Verbindung heraus lassen sich – in einem zweiten Schritt – auch wieder tragfähige Lösungen entwickeln.
Es geht nicht darum, alles richtig zu machen – sondern in Beziehung zu bleiben.
Elternschaft ist kein statischer Zustand, sondern ein ständiger Entwicklungsprozess – oft geprägt von hoher Verantwortung, innerer Ambivalenz und dem Wunsch, es „richtig“ zu machen.
In meiner Arbeit geht es daher nicht um Bewertung oder Optimierung, sondern um Verständnis und Stärkung. Eltern dürfen mit dem arbeiten, was da ist. Sie dürfen Pausen brauchen, Rat suchen und auch mal hilflos sein.
Sie müssen nicht vollkommen sein, um verbunden zu sein. Sie müssen nicht alles wissen, um handlungsfähig zu bleiben. Es genügt, da zu sein – in Beziehung zu sich selbst und zu Ihrem Kind.