SAFE – Was Kinder brauchen

Von Lisa Werthmüller

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel aus 2023 und wurde im Jahr 2025 sprachlich und inhaltlich sanft überarbeitet.

Lisa Werthmüller hat eine Rezension zur TV-Serie SAFE geschrieben, die seit Oktober 2022 im ZDF zu sehen ist. Dabei bleibt sie nicht bei einer Beschreibung stehen, sondern verbindet die Eindrücke aus der Serie mit Anregungen für eine beziehungs- und entwicklungsorientierte Begleitung von Kindern. Ihr zentrales Anliegen ist es, den Blick auf kindgerechte Umgebungen und präventive Beziehungsgestaltung zu lenken – als Ergänzung zu bestehenden therapeutischen Angeboten.

Die TV-Serie SAFE der Oscar-prämierten Regisseurin Caroline Link begleitet vier Kinder im Alter von fünf bis sechzehn Jahren, die aufgrund belastender Symptome psychotherapeutische Unterstützung erhalten. In acht Episoden tauchen wir in die Lebenswelten von Ronja, Sam, Jonas und Nellie ein und lernen ihre individuellen Geschichten, Herausforderungen und inneren Kämpfe kennen.

Die inszenierten Therapiesitzungen sind berührend und intensiv. Auffallend ist dabei weniger das gesprochene Wort, sondern vielmehr die Atmosphäre, die von den beiden Therapeut*innen Katinka und Tom geschaffen wird: eine Haltung von Präsenz, Echtheit und Wohlwollen, die sich in Blicken, Gesten und im feinen zwischenmenschlichen Miteinander ausdrückt. Auf diese Weise erfahren die Kinder etwas zutiefst Heilendes:
Du bist richtig, so wie du bist.

Es geht nicht um Korrektur oder Bewertung von Verhalten, sondern um Beziehung – um Halt, Verlässlichkeit und echtes Interesse am inneren Erleben der Kinder und Jugendlichen. Gerade weil viele von ihnen zuvor immer wieder durch ihr Verhalten aufgefallen, kritisiert oder mit Massnahmen konfrontiert worden sind, erleben sie hier erstmals einen Raum, in dem alle Gefühle erlaubt sind und ihr Sein nicht an Bedingungen geknüpft wird.

Die Serie regt jedoch auch zum Nachdenken an. Sie macht sichtbar, dass Kinder oft erst in therapeutischen Kontexten auf Erwachsene treffen, die ihnen in dieser zugewandten, haltgebenden Weise begegnen – also dort, wo emotionale Bedürfnisse nachträglich wahrgenommen und genährt werden.

Was können nun Eltern, pädagogische Fachpersonen und Lehrkräfte aus dieser Serie lernen?

Wenn wir unseren Bildungsalltag betrachten, wird sichtbar, wie stark dieser bereits im Kindergarten von Bewertungen, Vergleichen und Leistungsurteilen geprägt ist. Diese Strukturen sind historisch gewachsen und beeinflussen bis heute den Blick auf Kinder und ihr Verhalten. Entsprechend liegt der Fokus häufig stärker auf äusserlich sichtbaren Reaktionen als auf den inneren Erlebniswelten der Kinder.

Wenn wir Kindern und Jugendlichen offen, unvoreingenommen und mit echtem Interesse begegnen, eröffnet sich die Möglichkeit, ihre Erfahrungen besser zu verstehen. Verhaltensweisen können dann im Kontext gesehen werden – nicht mehr primär als „Auffälligkeiten“, sondern als Ausdruck innerer Zustände und unerfüllter Bedürfnisse.

Alle Menschen – und insbesondere Kinder – haben das tiefe Bedürfnis, mit ihren Gefühlen gesehen und verstanden zu werden. Erst durch authentisches Verstehen und wertschätzende Begegnung, die an keine Bedingungen geknüpft ist, können Kinder beginnen, auch sich selbst besser zu verstehen.

Wenn Verhalten nicht vorschnell bewertet oder sanktioniert wird, sondern als wertvolles Signal für innere Prozesse verstanden werden darf, entsteht Raum für Perspektivwechsel: Wir können hinter die sichtbare Reaktion blicken und das Gefühl wahrnehmen, das sie bewegt.

Die Zunahme sogenannter „Verhaltensauffälligkeiten“ in Kindergärten und Schulen verweist aus entwicklungspsychologischer Sicht möglicherweise darauf, dass viele Kinder emotionalen Begleitbedarf haben. Manche herkömmlichen Erziehungsansätze können diesem Bedarf nur begrenzt gerecht werden und Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung nicht immer ausreichend unterstützen.

Eine gezielte Förderung der sozio-emotionalen Kompetenzen in pädagogischen Einrichtungen könnte hier präventiv und stärkend wirken. Ebenso spielen die eigenen Bindungs- und Beziehungserfahrungen der Erwachsenen eine wichtige Rolle – denn Kinder besser zu verstehen bedeutet immer auch, sich selbst besser zu verstehen.

Emotionale Entwicklung ist ein langer Prozess, der weit über die Kindheit hinausreicht. Kinder sind dabei zunächst auf Erwachsene angewiesen, die über ausgereiftere Möglichkeiten zur Selbstregulation verfügen. Sie brauchen nahe Bezugspersonen, die sie co-regulieren, begleiten und ihnen helfen, ihre Gefühle zu ordnen und zu halten.

Wie es sein könnte

Wie wertvoll wäre es, wenn Bildungsorte zunehmend zu Räumen würden, in denen:

  • emotionale Grundbedürfnisse nach Autonomie, Verbundenheit und Sicherheit bewusst wahrgenommen und begleitet werden,
  • Verhalten nicht vorschnell als störend oder problematisch eingestuft wird,
  • ein ressourcen- und beziehungsorientierter Blick den defizitären ersetzt,
  • weniger mit Kontrolle, Massnahmen und Konsequenzen gearbeitet wird,
  • Kinder nicht an normierte Verhaltenserwartungen angepasst werden müssen,
  • deviante oder intensive Gefühlsäusserungen als Teil gesunder Entwicklung verstanden werden – etwa als Ausdruck von Abgrenzung oder dem Wunsch nach Nähe,
  • überhöhte Erwartungen an emotionale Selbstregulation relativiert werden.

Viele Kinder sollen bereits früh Frustration bewältigen, starke Gefühle eigenständig regulieren oder sozial „funktionieren“. Doch all dies sind Fähigkeiten, die sich erst im Verlauf von Entwicklung und Beziehung ausbilden dürfen – nicht vorausgesetzt werden können.

Wenn Kinder sich angenommen fühlen, lernen sie:
Ich bin wertvoll. Ich werde gesehen und gehört. Meine Gefühle sind willkommen. Meine Grenzen zählen genauso wie die der anderen.

So entsteht innere Selbstwirksamkeit – unabhängig von äusserer Anerkennung. Kinder, die emotional genährt werden, entwickeln die Grundlage für psychische Gesundheit.

Ein gemeinsamer Weg

Kinder bindungs- und beziehungsorientiert zu begleiten bedeutet, alte Muster behutsam zu hinterfragen und neue Formen der Beziehungsgestaltung zu stärken. Dafür braucht es Eltern, Grosseltern, pädagogische Fachpersonen, Bildungsinstitutionen und politische Rahmenbedingungen, die dieser Haltung Raum geben.

Daher mein Appell:

Statt ausschliesslich auf mehr Therapieplätze zu setzen, darf unser gemeinsames Anliegen sein, Umgebungen zu schaffen, in denen Kinder sich von Beginn an psychisch gesund entwickeln können – getragen von Beziehung, Sicherheit und Wertschätzung.

Lisa Werthmüller
Dipl. psychosoziale Beraterin, Elterncoach in eigener Praxis, sozialpädagogische Familienbegleiterin und Autorin diverser Fachartikel zum bindungs- und beziehungsorientierten Umgang mit Kindern. In ihrer Arbeit begleitet sie Eltern und Fachpersonen dabei, kindliches Verhalten besser zu verstehen und tragfähige Beziehungen in den Mittelpunkt des pädagogischen Handelns zu stellen.

(Erschienen im Magazin der Schweizerischen Gesellschaft für Individualpsychologie nach Alfred Adler, 2023/01) Überarbeitet am 8.12.25

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