In der psychologischen Beratung oder im Elterncoaching begegne ich Menschen, die mir von Erfahrungen berichten, welche mit einem „Gefühl“ der Hilflosigkeit oder Ohnmacht einhergehen. Hier handelt es sich um ein sekundäres Gefühl.
Ein sekundäres Gefühl ist ein Gefühl, das als Reaktion auf ein anderes, darunterliegendes primäres Gefühl entsteht. Während primäre Gefühle oft unmittelbare und spontane Reaktionen auf ein Ereignis oder eine Erfahrung sind (wie Angst, Trauer, Schmerz oder Freude), entstehen sekundäre Gefühle aus der Bewertung oder Interpretation dieser Grundemotion. Sie sind also eine „zweite Schicht“ der emotionalen Reaktion.
Beispielsweise könnte auf den primären Schmerz oder die Angst, die durch eine bestimmte Erfahrung ausgelöst wird, das sekundäre Gefühl von Hilflosigkeit, oder Ohnmacht folgen. Hilflosigkeit als sekundäres Gefühl kann auftreten, wenn jemand eine frühere Erfahrung der Ohnmacht oder Verletzlichkeit unbewusst erinnert und daraus das Bedürfnis entwickelt, Kontrolle zu behalten, um solche Gefühle in Zukunft zu vermeiden.
Dieses Gefühl hat oft seinen Ursprung in der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung von unguten Erfahrungen oder Erlebnissen in der Kindheit. In diesen Momenten fühlte man sich vielleicht allein gelassen, unverstanden, übergangen oder verletzt – oder es gab das schmerzliche Gefühl, nicht gesehen oder ernst genommen zu werden. So wird also ein Gefühl mit einem bestimmten Ereignis verknüpft und abgespeichert. Solche Erlebnisse prägen unser emotionales Gedächtnis, auch wenn wir sie möglicherweise nicht bewusst erinnern.
Kinder lösen mit ihrem Verhalten in uns starke Gefühle aus – sie sind aber nicht die Ursache.
Wenn Erwachsene heute auf das Verhalten von Kindern treffen, das ihnen Schwierigkeiten bereitet – etwa wenn ein Kind Anforderungen nicht erfüllt, nicht zuhört oder sich verweigert – kann dies unbewusst alte Gefühle aus der eigenen Kindheit aktivieren. Solche kindlichen Verhaltensweisen stellen oft eine Herausforderung dar, vor allem, wenn wir sie missverstehen und fehlinterpretieren.
Sie erinnern uns unbewusst an die Ohnmacht oder Hilflosigkeit, die wir selbst in ähnlichen Momenten als Kinder gefühlt haben. So kann es dazu kommen, dass wir uns in der Gegenwart plötzlich wieder wie das verletzte oder hilflose Kind von damals fühlen, das nach Kontrolle sucht, um sich sicher und stabil zu erleben.
Pädagog*innen und Eltern bietet das Konzept der „Neuen Autorität“ eine scheinbare Lösung, um sich aus Momenten der Ohnmacht und Unsicherheit zu befreien. Wenn Kinder Verhaltensweisen zeigen, die wir als schwierig oder grenzüberschreitend erleben, fühlen wir uns oft hilflos und verlieren das Gefühl, die Situation im Griff zu haben. Das Konzept der Neuen Autorität vermittelt dann das Versprechen, durch gezielte Kontrollmechanismen und klare Strukturen die Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen und sich selbst wieder wirksam zu erleben.
Diese Schlussfolgerungen könnten zu einer Erklärung beitragen, weshalb dass das Konzept der „Neuen Autorität“ in der Erziehung und Schule so ansprechend wirkt. Da es das Bedürfnis der Erwachsenen nach Kontrolle und Selbstwirksamkeit bedient. Es bietet eine Struktur, die uns darin unterstützt, uns stark und handlungsfähig zu fühlen, und vermittelt die Illusion, schwierige Situationen „im Griff“ zu haben. Allerdings geschieht dies oft zu Lasten der Kinder: Sie erleben dann vermehrt Autorität und Kontrolle, während ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse unerkannt bleiben, welche das Verhalten motiviert haben. Ein ungünstiger transgenerationaler Kreislauf entsteht. Denn was zurückbleibt, ist das Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit.
Deshalb ist es eine grundlegende Voraussetzung, sich der eigenen Bindungs- und Beziehungserfahrungen aus der Kindheit bewusst zu werden, insbesondere wenn wir im pädagogischen Kontext mit Kindern arbeiten. Es ist wichtig, die eigenen Gefühle zu erkennen, einzuordnen und zu reflektieren, um zu verstehen, wie sie unsere Reaktionen beeinflussen. Nur durch diese Selbstreflexion können wir vermeiden, unbewusste Muster und alte Verletzungen auf das Kind zu übertragen.
In diesem Workshop geht es genau um diese unbewussten Prozesse:
Workshop: Emotionale Selbstwahrnehmung stärken um bewusster im pädagogischen Alltag agieren zu können
Beschreibung
Dieser Workshop richtet sich an pädagogische Fachkräfte, die lernen möchten, eigene emotionale Auslöser besser zu verstehen und ihre Reaktionen auf das Verhalten der Kinder bewusst wahrzunehmen und zu regulieren. Gerade in der Arbeit mit Kindern zeigen sich oft starke Gefühle – nicht, weil das Kind Ursache für diese Emotionen ist, sondern weil es unbewusste, biografisch geprägte Emotionen in uns anstößt. Ziel des Workshops ist es, diese inneren Prozesse bewusst zu reflektieren, die eigenen Gefühle von denen des Kindes zu unterscheiden und zu lernen, wie wir als Fachkräfte selbst reguliert und in einer stabilen emotionalen Verbindung bleiben können. Dies ermöglicht uns, die Kinder durch Co-Regulation empathisch zu begleiten und ihnen ein sicheres Umfeld zu bieten.
Ziele des Workshops
- Verständnis eigener emotionaler Auslöser und deren biografischer Wurzeln
- Differenzierung zwischen eigenen Gefühlen und denen des Kindes
- Methoden der Selbstregulation, um in stressigen Momenten verbunden zu bleiben
- Praktische Ansätze zur empathischen Begleitung und Co-Regulation von Kindern
Zielgruppe
Pädagogische Fachkräfte in Schulen, Kindertagesstätten, Horten und anderen Bildungseinrichtungen, die ihre Selbstwahrnehmung stärken und ihre Fähigkeit zur Co-Regulation von Kindern vertiefen möchten.