Die verhaltensorientierte Pädagogik und die Notwendigkeit traumapädagogischer Konzepte als Standard

Die Anwendung verhaltensorientierter pädagogischer Interventionen in Schulen, pädagogischen Einrichtungen und Kinder- und Jugendpsychiatrien hat in vielen Fällen unerwünschte Konsequenzen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gezeigt. Trotz der langjährigen Etablierung dieses Ansatzes wird zunehmend deutlich, dass er emotionale Bedürfnisse oft unzureichend berücksichtigt und den Schwerpunkt zu sehr auf Verhaltensanpassung legt. Ohne ein tiefes Verständnis für die zugrunde liegenden Ursachen von Verhaltensweisen bleiben pädagogische Maßnahmen häufig wirkungslos. In vielen Fällen können sie sogar zu einer Verschlimmerung führen, wenn Kinder und Jugendliche sich in ihrer Not missverstanden fühlen.

Oft resultieren solche Interventionen in Ausschlüssen, Beziehungsabbrüchen und sogar Re-traumatisierungen. Anstatt den emotionalen Bedürfnissen der jungen Menschen gerecht zu werden, bleiben diese ignoriert, während sich die Verhaltensprobleme verschärfen.

Verhaltensorientierte Pädagogik: Anpassung statt Verstehen

Verhaltensorientierte Ansätze gehen davon aus, dass unerwünschtes Verhalten durch Belohnungen und Bestrafungen kontrolliert werden kann. Diese Verfahrensweise beinhaltet in der Regel Methoden des operanten Konditionierens und den Einsatz von Token-Systemen oder Bestrafung mittels Konsequenzen. Dabei wird jedoch übersehen, dass auffälliges Verhalten häufig tiefere emotionale und psychische Ursachen hat. Aggressives oder scheinbar unkooperatives Verhalten ist in solchen Fällen weniger als Opposition zu sehen, die es gilt «abzutrainieren» , sondern eine Reaktion auf innere Spannungen oder Ängste und einem unerfüllten emotionalen Bedürfnis. Das Verhalten ist jeweils Ausdruck und Antwort auf die aktuelle oder eine vergangene Lebenssituation.  

Die bloße Fokussierung auf Verhaltensänderungen, ohne die Ursachen zu betrachten, führt nicht nur dazu, dass das Kind sich unverstanden fühlt, sondern kann das Problem sogar verschärfen. Indem das Verhalten isoliert betrachtet wird, bleibt die dahinterliegende Not unsichtbar, und der junge Mensch erlebt möglicherweise noch mehr Frustration und Ablehnung.

Der Kreislauf der Retraumatisierung

Ein wesentlicher Nachteil verhaltensorientierter Ansätze ist, dass Kinder und Jugendliche, die bereits belastende Erfahrungen gemacht haben, oft wieder in eine Situation emotionaler Unsicherheit geraten. Ausschlüsse aus Schulen oder Einrichtungen verstärken das Gefühl, abgelehnt zu werden. Dies kann als Bestätigung negativer Selbstwahrnehmungen wirken und bereits vorhandene Wunden weiter vertiefen.

Eltern sind in solchen Situationen oft ratlos, da sie sich mit einer zunehmenden Stigmatisierung ihres Kindes konfrontiert sehen, ohne dass ihnen hilfreiche Alternativen aufgezeigt werden. In einigen Fällen gar, ihre vermeintlich unzureichende Erziehungskompetenz dafür verantwortlich gemacht wird. 

Die Notwendigkeit traumapädagogischer Konzepte

Es wird immer deutlicher, dass traumapädagogische Ansätze in Schulen und pädagogischen Einrichtungen stärker in den Fokus rücken müssen. Traumapädagogik erkennt, dass auffälliges Verhalten häufig Ausdruck tiefer Not und Überforderung ist. Statt sich nur auf die Verhaltensanpassung zu konzentrieren, wird das Verhalten als Überlebensstrategie verstanden. Wenn Kinder und Jugendliche in ihren Bewältigungsstrategien nicht verstanden werden, sind pädagogische Massnahmen nutzlos und können zu krisenhaften Situationen führen. 

Ein zentrales Element der Traumapädagogik ist unter anderem die Beziehungsarbeit. Kinder und Jugendliche brauchen stabile und verlässliche Bezugspersonen, einen sicheren Raum, in dem junge Menschen lernen können, ihre Emotionen zu regulieren und Vertrauen aufzubauen. Sanktionen und Belohnungen weichen einem Verständnis, das die Akzeptanz der ganzen Person – mit all ihren Gefühlen – in den Vordergrund stellt. Traumapädagogik zielt darauf ab, Kinder und Jugendlichen in ihrem Verhalten zu verstehen, es als sinnhaft zu erkennen, die dahinterliegenden Gefühle, welche das Verhalten motivieren zu ergründen und das eigentliche Bedürfnis, welches nach Erfüllung sucht, zu beantworten.  

Fazit: Traumapädagogik als Standard etablieren

Um den Kreislauf von Verhaltensauffälligkeiten und Retraumatisierungen zu durchbrechen, ist ein Paradigmenwechsel erforderlich. Traumapädagogische Ansätze müssen zum Standard in Schulen und pädagogischen Einrichtungen werden. Es ist an der Zeit, die verhaltensorientierte Pädagogik zu hinterfragen und neueste Erkenntnisse der Säuglingsforschung, Entwicklungspsychologie und der Psychotherapieforschung zu berücksichtigen.

Hinterlasse einen Kommentar