Kinder und das Austesten von Grenzen: Mehr als nur Regelverstöße

Wenn wir darüber sprechen, dass Kinder „Grenzen testen“, wird oft angenommen, dass sie einfach nur herausfinden möchten, was erlaubt ist und was nicht. Es geht dabei jedoch um viel mehr. Kinder sind in erster Linie daran interessiert, ob sie unabhängig von ihrem Verhalten weiterhin gesehen, ernst genommen und geliebt werden.

Der Unterschied zwischen „Grenzen testen“ und der Suche nach Verbindung

Wenn ein Kind die ihm gesetzten Regeln infrage stellt, kann dies auf den ersten Blick wie eine Provokation wirken. Doch hinter diesem Verhalten steckt häufig ein tieferes Bedürfnis. Kinder suchen nicht nur nach dem Rahmen dessen, was sie dürfen oder nicht dürfen – sie wollen wissen, ob ihre Bezugspersonen auch dann bei ihnen bleiben, wenn sie gegen diese Grenzen verstoßen.

Es geht um das Bedürfnis, trotz Regelverstößen emotional angenommen zu werden, ein Zeichen für die Suche nach Sicherheit und Zugehörigkeit. Kinder brauchen die Gewissheit, dass ihre Beziehung zu den Erwachsenen stabil ist, auch wenn sie unerwünschtes Verhalten zeigen oder Regeln missachten.

Was suchen Kinder wirklich?

  • Sicherheit: Kinder wollen sicher sein, dass ihre Beziehung zu ihren Eltern oder Erzieher*innen auch dann intakt bleibt, wenn sie unerwünschtes Verhalten zeigen.
  • Akzeptanz: Sie möchten spüren, dass sie als Person wertgeschätzt werden, unabhängig von ihrem Verhalten.
  • Bedingungslose Liebe: Kinder möchten wissen, dass sie geliebt werden – nicht nur, wenn sie sich gut benehmen, sondern auch in schwierigen Momenten.

Was passiert, wenn Grenzen ausschließlich als Regelbruch betrachtet werden?

Wenn wir das Verhalten eines Kindes nur als „Grenzen testen“ im Sinne von Regelverletzungen interpretieren, riskieren wir, das eigentliche emotionale Bedürfnis zu übersehen. Strafen oder negative Konsequenzen könnten dann zwar kurzfristig das Verhalten ändern, doch das Kind erhält nicht die emotionale Bestätigung, die es eigentlich sucht. Es könnte das Gefühl entwickeln, dass Liebe oder Zuneigung an Bedingungen geknüpft sind – etwa daran, sich „richtig“ zu verhalten.

Die Bedeutung bedingungsloser Annahme

Stattdessen sollte unser Fokus darauf liegen, dem Kind zu zeigen, dass es bedingungslos angenommen wird. Dies bedeutet nicht, dass Grenzen und Regeln aufgehoben werden, sondern dass die Beziehung zum Kind auch dann stabil bleibt, wenn Regeln gebrochen werden. Klare und konsequente Grenzen sind wichtig, aber sie sollten immer mit emotionaler Sicherheit und Liebe kombiniert werden. So lernt das Kind, dass es Fehler machen darf und trotzdem wertgeschätzt und geliebt wird.

Fazit

Kinder testen Grenzen nicht nur, um zu sehen, wie weit sie gehen können. Sie wollen vor allem sicherstellen, dass sie auch in schwierigen Momenten gesehen und geliebt werden. Es ist unsere Aufgabe, ihnen diese Bestätigung zu geben, während wir gleichzeitig die nötigen Strukturen und Regeln aufrechterhalten. Indem wir ihre emotionale Sicherheit betonen, helfen wir ihnen, ein gesundes Selbstwertgefühl und stabile soziale Beziehungen aufzubauen.

Umgang mit Regelverstößen im erzieherischen Kontext: Ein kritischer Blick

In der Erziehung wird häufig das Prinzip der Konsequenz betont, wenn es um das Einhalten von Regeln geht. Viele Erzieher*innen und Eltern sind der Meinung, dass Verstöße gegen Regeln klare Konsequenzen haben müssen, um das Verhalten des Kindes zu korrigieren. Typische Ansätze sind das Durchsetzen von Strafen, das Verwenden von Belohnungs- oder Punktesystemen oder schlichtweg das strikte Beharren darauf, dass nichtbefolgen von Regeln „nicht durchgelassen“ werden dürfen.

Wie wird normalerweise reagiert?

  1. Konsequenz und Strafen: 
Wenn ein Kind eine Regel bricht, wird oft darauf bestanden, dass Konsequenzen folgen. Dies können Strafen wie der Entzug von Privilegien oder „Time-outs“ sein. Der Gedanke dahinter ist, dass das Kind durch negative Konsequenzen lernt, sich regelkonform zu verhalten.
  2. Belohnungs- und Punktesysteme:
 Ein anderes verbreitetes Modell ist der Einsatz von Belohnungssystemen. Kinder erhalten Punkte oder Belohnungen für regelkonformes Verhalten und verlieren diese, wenn sie gegen die Regeln verstoßen. Dieses System soll das gewünschte Verhalten verstärken, indem es eine extrinsische Motivation (Belohnung) schafft.
  3. Nicht nachgeben:
 Der Leitsatz „man darf das nicht durchlassen“ spielt eine zentrale Rolle. Viele Erzieher*innen und Eltern befürchten, dass inkonsequentes Verhalten dazu führt, dass das Kind die Grenzen immer weiter austestet und die Regeln gänzlich ignoriert.

Potenzielle negative Auswirkungen dieser Ansätze:

  1. Anpassung statt Einsicht:
 Diese Ansätze führen oft dazu, dass sich das Kind äußerlich anpasst, um Strafen zu vermeiden oder Belohnungen zu erhalten. Es lernt jedoch nicht zwangsläufig, warum bestimmte Regeln sinnvoll sind oder wie es seine eigentlichen Bedürfnisse anders ausdrücken kann. Stattdessen wird die Motivation des Kindes auf externen Druck umgeleitet, wodurch ein tieferes Verständnis für das eigene Verhalten und seine Folgen ausbleibt.
  2. Verstärkung des Verhaltens:
 Wenn ein Kind primär auf Konsequenzen und Belohnungen reagiert, bleibt das tiefere emotionale Bedürfnis oft unerfüllt. Das führt dazu, dass das ursprüngliche Verhalten weiter besteht oder sich sogar verstärkt, weil das Kind keine andere Möglichkeit sieht, seine inneren Gefühle auszudrücken. Es entwickelt sich möglicherweise ein Kreislauf, in dem das Kind immer wieder gegen Regeln verstößt, da seine Bedürfnisse nach Anerkennung, Sicherheit oder Verbindung nicht befriedigt werden.
  3. Machtkämpfe und Frustration:
 Kinder, die immer wieder auf Regeln und Strafen stoßen, können sich in Machtkämpfe verstricken. Dies führt häufig zu Frustration auf beiden Seiten. Das Kind kann sich missverstanden oder ungeliebt fühlen, was die Beziehung zu den Erziehenden belastet. Auch das Selbstwertgefühl des Kindes kann leiden, wenn es das Gefühl hat, nur dann anerkannt zu werden, wenn es sich „korrekt“ verhält.
  4. Bedingte Zuneigung: 
Belohnungssysteme vermitteln dem Kind, dass es Liebe oder Anerkennung verdienen muss, indem es sich an bestimmte Regeln hält. Dies kann langfristig zu einem Gefühl der bedingten Wertschätzung führen, bei dem das Kind glaubt, dass es nur dann geliebt wird, wenn es den Erwartungen entspricht. Dieses Gefühl kann sich auch ins Erwachsenenleben übertragen und zu einem Streben nach Perfektionismus oder übermäßiger Anpassung führen.

Der eigentliche Bedarf: Emotionale Bedürfnisse und bedingungslose Annahme

Hinter Regelverstößen steht oft ein tieferes emotionales Bedürfnis des Kindes, das durch Konsequenzen oder Belohnungen nicht gestillt wird. Statt das Verhalten nur oberflächlich zu korrigieren, sollten Erziehende versuchen, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu erkennen. Es geht darum, dem Kind zu vermitteln, dass es trotz Regelverstößen weiterhin gesehen, ernst genommen und geliebt wird.

  • Stärkung der Beziehung: Regelverstöße sind oft ein Signal, dass das Kind nach Verbindung und Zuwendung sucht. Hier hilft es, in Beziehung zu treten und dem Kind zu zeigen, dass es auch in herausfordernden Momenten emotional sicher ist.
  • Emotionale Sicherheit bieten: Anstatt nur das Verhalten zu korrigieren, sollte dem Kind die Möglichkeit gegeben werden, seine Emotionen auszudrücken und zu lernen, wie es auf gesunde Weise mit Frustration, Ärger oder anderen intensiven Gefühlen umgeht.
  • Sich selber in seinen Grenzen zeigen, anstelle Grenzen setzen: Anstelle dem Kind durch Massnahmen Grenzen zu vermitteln, welche auf Macht und Kontrolle basieren, kann ich mich in meinen eigenen Grenzen zeigen. Indem ich authentisch meine Bedürfnisse und Gefühle zum Ausdruck bringe. 

Statt zu sagen: “Du musst jetzt aufhören laut zu sein, sonst gehst du ins Zimmer!“, könntest du sagen: „Mir ist es gerade zu laut, und ich fühle mich unwohl. Ich brauche jetzt etwas Ruhe.“ 

Durch das Kommunizieren von eigenen Bedürfnissen, lernt das Kind, dass auch du als Erwachsener persönliche Grenzen hast.

Und immer wieder die Frage: „was will mir das Kind mit seinem Verhalten zeigen? Um welches ungestillte Bedürfnis könnte es gehen?“

Was fühlt jemand, der laut sein muss!?

Angst, Trauer, Schmerz, Wut?

„Ich fühle mich nicht zugehörig, ich suche nach Verbindung„.

„Wie wertvoll bin ich für dich? Ich suche nach Sicherheit.“

„Ich musste schon zulange kooperieren, ich suche nach Autonomie.“

Fazit:

Der herkömmliche, konsequente Umgang mit Regelverstößen im Erziehungsalltag – sei es durch Strafen oder Belohnungen – führt oft dazu, dass sich Kinder anpassen, ohne das eigentliche Bedürfnis hinter ihrem Verhalten ausdrücken zu können. Dies kann langfristig problematisch sein, weil emotionale Bedürfnisse wie das Streben nach Sicherheit, Anerkennung und bedingungsloser Zuneigung unerfüllt bleiben. Stattdessen sollten Erziehende versuchen, das Verhalten des Kindes als Ausdruck eines tieferliegenden Bedürfnisses zu sehen und auf eine Weise reagieren, die sowohl klare eigene Grenzen als auch emotionale Verbundenheit bietet.

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