Risiken verhaltensorientierter Pädagogik

Herausforderungen für diagnostizierte neurodivergente Kinder und die allgegenwärtige, aber unsichtbare Neurodiversität aller Kinder.

Verhaltensorientierte Pädagogik, auch bekannt als Behaviorismus, scheint in vielen Bildungseinrichtungen und therapeutischen Kontexten immer noch weit verbreitet zu sein. Diese Ansätze basieren auf der Idee, dass Verhalten durch Belohnung und Bestrafung, gesteuert und in ein von uns gewünschtes Verhalten gelenkt werden kann. Während diese Methoden in bestimmten Fällen kurzfristige Erfolge zeigen können, bergen sie insbesondere bei (neurodivergenten) Kindern erhebliche Risiken und Gefahren. Neurodivergenz umfasst eine Vielzahl von neurologischen Entwicklungsvarianten, darunter Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), sowie das weniger bekannte Pathological Demand Avoidance (PDA).

Die Fallstricke verhaltensorientierter Maßnahmen

Verhaltensorientierte Ansätze wie Token-Systeme, Belohnungssysteme und Konsequenzen basieren auf der Vorstellung, dass unerwünschtes Verhalten reduziert und erwünschtes Verhalten verstärkt werden kann. Diese Methoden vernachlässigen jedoch die zugrunde liegenden Ursachen für das Verhalten. Sie missachtet grundlegende Erkenntnisse über die Entstehung von Verhalten. Dieses wird durch ein Gefühl motiviert und dient schlussendlich als eine Form der Überlebensstrategie – nämlich dem emotionalen Bedürfnis nach Sicherheit, Autonomie und Verbindung.

3. Die besondere Herausforderung von PDA

Pathological Demand Avoidance (PDA) ist ein Profil innerhalb des Autismusspektrums, welches sich durch ein extrem ausgeprägtes Vermeidungsverhalten gegenüber Anforderungen auszeichnet. Kinder mit PDA haben ein ausgeprägtes Autonomiebedürfnis und reagieren bei Verlust mit Angst und Stress und intensiver körperlicher Reaktionen. Diese Reaktionen entstehen aus einem Gefühl der Überforderung und dem Wunsch nach Kontrolle. Verhaltensorientierte Maßnahmen, die auf Druck, Kontrolle und Belohnung oder Bestrafung basieren, können bei diesen Kindern fatale Folgen haben. Solche Maßnahmen führen häufig zu einer Eskalation der Vermeidung und zu verstärktem Widerstand. Die betroffenen Kinder fühlen sich in die Enge getrieben, gekränkt und reagieren mit noch intensiverer Verweigerung, und intensiven Gefühlsausbrüchen, was die Situation weiter verschärft.

Der Umgang mit neurodivergenten Kindern, insbesondere bei ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) und Pathological Demand Avoidance (PDA), erfordert differenzierte Ansätze. Was bei ADHS oder ASS hilfreich sein kann, wie etwa klare Regeln und starre Strukturen, kann bei PDA kontraproduktiv sein und sogar das Gegenteil bewirken. Dieses Dilemma stellt Lehrkräfte, Eltern und Therapeuten vor große Herausforderungen.

Starre Strukturen und Regeln: Warum sie bei PDA scheitern

Bei Kindern mit ADHS oder ASS können klare Regeln und Strukturen oft helfen, Orientierung und Sicherheit zu bieten. Diese Kinder profitieren von vorhersehbaren Abläufen, die ihnen helfen, ihre Reaktionen besser zu steuern und sich in der Welt zurechtzufinden. Im Gegensatz dazu können dieselben Methoden bei Kindern mit PDA zu erheblichen Problemen führen.

Kinder mit PDA haben eine tief verwurzelte Angst vor Forderungen und reagieren oft mit extremen Vermeidungsverhalten, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Regeln und starre Strukturen, die bei anderen Kindern stabilisierend wirken, können bei ihnen Panik auslösen und das Vermeidungsverhalten verschärfen. Dies führt oft zu einem Teufelskreis, in dem das Kind immer mehr Verhaltensweisen entwickelt, um den wahrgenommenen Druck zu entkommen, während die Erwachsenen immer mehr Regeln und Konsequenzen einsetzen, um das Verhalten in den Griff zu bekommen.

Das Dilemma lösen: Ein flexiblerer Ansatz für alle Kinder

Angesichts dieses Dilemmas ist es sinnvoll, die traditionelle, regel- und strukturorientierte Pädagogik zu überdenken – nicht nur für Kinder mit PDA, sondern für alle Kinder. Viele verhaltensorientierte Ansätze ignorieren emotionale Grundbedürfnisse und haben einen Anpassungscharakter.

Strategien:

  • Verzicht auf Strafen und Belohnungssysteme 
  • Keine Konsequenzen durch Autorität
  • Ansätze die Angst reduzieren und ein Gefühl von Kontrolle vermitteln
  • Regeln minimieren
  • Räume für Flexibilität und Autonomie schaffen
  • Sicherheit schaffen

Fazit: Ein Paradigmenwechsel ist notwendig

In einer Welt, die zunehmend die Bedeutung von Inklusion und Akzeptanz erkennt, ist es an der Zeit, die veralteten, verhaltensorientierten Ansätze hinter uns zu lassen. Besonders bei (neurodivergenten) Kindern sind diese Methoden nicht nur ineffektiv, sondern potenziell schädlich.

Indem wir alle Kinder als neurodivers betrachten und auf strafende, belohnende und autoritäre Maßnahmen verzichten, schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sicher sind, keine Gefühle unterdrücken müssen, sich und ihre Bedürfnisse und Grenzen kennenlernen dürfen, sich selbstwirksam fühlen. Somit haben hoffentlich Gefühle der Ohnmacht und des Alleinseins keinen Platz mehr.

Hinterlasse einen Kommentar